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Erst - E n t d e c k e n : Vergilbter Quellen-Schatz aus dem Joseph Carlebach-Institutsarchiv
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Streiflichter aus jüdischer Vergangenheit in Hamburg

zusammengestellt von Prof. Dr. Miriam Gillis-Carlebach
Das Joseph Carlebach-Institut, 2008

In der folgenden virtuellen Ausstellung möchten wir einen Einblick in sechs verschiedene Aspekte aus der Hamburger jüdischen Vergangenheit zeigen. Dabei besteht keinerlei Absicht einen Überblick über die Geschichte der Juden in Hamburg zu geben, oder eine Serie einer vorbestimmten systematischen Auswahl des ehemaligen jüdischen Lebens in Hamburg vorzustellen.
Die Auswahl der Themen wurde an Hand von meist unbekanntem authentischem Bildmaterial zusammengestellt, bei denen der 'Zufall' des Fundes zwar ausschlaggebend ist, aber in gleicher Weise durch genaue Recherche bestätigt werden konnte. Dementsprechend sind die Bilder in Anzahl und Grösse eines jeden 'Streiflichtes' verschieden.



Kostbare Bruchstücke einer einst blühende Kultur


Kulturbund und Jugendbund! Kultur und Jugend! Welch herrlichen Klang haben doch diese beiden Worte. So aussichtsreich, so viel sagend und so zukunftversprechend.
Wenn wir jedoch das Attribut 'jüdisch' davor setzen - wo können wir ehemalige jüdische Jugend und jüdische Kultur, wo den - jüdischen Jugendbund und Kulturbund in Hamburg finden?
Jugend- und Kulturbund wurden zwar wissenschaftlich erforscht, auch teilweise bebildert, die Diskussionen dafür und dagegen analysiert - aber im Gedächtnis der Stadt - beginnend mit der schicksalsschweren Vergangenheit im Jahr 1933 - und endend in gegenwärtiger Zukunft werden die Streiflichter blasser und blasser; sie leuchten nicht mehr in die Hamburger jüdische Kultur- und Jugendgeschichte hinein. Nur von Mal zu Mal wird das Vergangene erleuchtet und beleuchtet:

ein plötzlich erinnerter Name,
eine handvoll zufälliger Bilder,
ein unvollständiger Zeitungs-Artikel,
hier Zitate aus der Geschichte,
dort wieder gefundene Gruppenbilder
oder eine verblichene Annonce -
- das sind die kostbaren überbleibsel einer einst blühende Kultur, einer einst dynamischen Jugend mit einer munteren Kinderreihe als begeisterte Zuschauer, wie auch als aktive Beteiligter - der jüdischen Jugendbünde und des jüdischen Kulturbundes.


II. Im Curiohaus

Das Curiohaus besteht bis heute in der Rothenbaumchaussee in Hamburg. Es wurde auf den Namen von Carl David Curio errichtet, einem Vorläufer der Reformpädagogik aus dem 19. Jahrhundert. Bis 1936 konnten die Vortrags- Konferenz - und Theatersäle noch vom jüdischen Kulturbund benutzt werden. Vorträge von Joseph Carlebach und Jakob Rosenheim im Hamburger Curiohaus, Lernkreise für Bibel und Talmud und jüdische Geschichte wechselten sich mit Musikerlebnissen ab.
Ausschnitt aus dem Brief von Erika Milee an Prof. Miriam Gillis-Carlebach, November 1990:
...Nachdem ich Rabbiner Carlebach aus den Gottesdiensten der Synagoge kannte, war ich nun über seinen Michelangelo Vortrag, sein so starkes Wissen über die Renaissance, die bildende Kunst so begeistert, wie er in seiner Intensität und lebendigen und vitalen Vortragsweise alle in seinen Bann zog. Man erlebte die Zeit der Renaissance - die Stadien des Künstlers und das Genie des großen Bildhauers Michelangelo Buonarotti in der lebendigen Beschreibung seiner Kunstwerke und seiner Persönlichkeit...
Bei den Chanukaaufführungen setzten sich der liberale Rabbiner Norden mit dem frommen Rabbi Joseph Carlebach zusammen. Selbst Schachmeisterschaften wurden ausgefochten. Auch während des Schachwettbewerbs war Rabbi Carlebach als Schiedsrichter immer mit seinem prominenten Käppchen (und der Zigarre...) zugegen. Selbstverständlich die Schulfeiern mit ihren Aufführungen, wie Der kleine Moor und die Goldprinzessin. Sportleistungen wurden präsentiert. Singwettbewerb und Chor wurde von der 10-jährigen hochmusikalischen Sara Carlebach geleitet. Die Musik-Ereignisse ließen Hunderte der Hamburger Juden zusammentreffen.
Dr. Jola (Joseph) Jakobson war der Verfasser des Liederbuches Hawa Naschira (Auf! Lasst uns singen!) - eines Gesangbuches für jüdische Schulen. Er berichtete im Jüdischen Gemeindeblatt vom 17. Januar (Juni) 1938 über ein Konzert mit Musik von Dvorak und Händel, von Sängerinnen, wie Schalit und Kowalski und Pianisten, nicht zu vergessen den Solisten Leon Kornitzer.

Rabbi Carlebach, Rabbiner Norden, Sara Carlebach, Dr. Jola Jakobson


Vortrag von Oberrabbiner Dr. Joseph Carlebach
Curiohaus, 1934

Versammlung des jüdischen Kulturbundes
im Curio-Haus, 1935

Solisten im Kulturbund, 1934:
Herr Alter - Sänger, Werner Hirsch - Cellist

Orchester des jüdischen Kulturbundes
1935

Orchester mit Sologeige
1935

Zuhörer bei einem Konzert im jüdischen Kulturbund
1935

Edgar Levi, Carl Ellern, Frau Levi


III. Gemeinschaftshaus



Als dann die öffentlichen Räume und Säle den Juden aus rassischen Gründen verschlossen wurden, erschloss Max Warburg das Gemeinschaftshaus in der Hartungstrasse.
Das Gemeinschaftshaus in der Hartungstrasse 9-11 war im Jahre 1887 als eine 'Henry-Jones-Loge' gestiftet worden und erlebte verschiedene Besitzer und Wandlungen. 1936 wurden Pläne entworfen, um es für den jüdischen Kulturbund umzubauen und 1937 wurde es durch Spenden, besonders von dem grosszügigen Hamburger Bankier Max Warburg mit einer sehr ansehnlichen Summe zur Verwirklichung unterstützt. Das umgebaute jüdische Gemeinschaftshaus enthielt unter anderem Theater- und Konzertsaal, Leseräume und Bibliothek.
Das Gemeinschaftshaus diente auch als Sammellager für jüdische Menschen vor einigen der siebzehn Deportationen aus Hamburg. Dort konnten Schulkinder die Aufführung Rübezahl erleben und wie die kleinen Tänzerinnen, Elizabeth Sommerich (10jährig) und ihre 6jährige Schwester den Elfentanz unter der Leitung von Erika Milee auf die Bühne zauberten. Erika Milee (1907-1996) - Tänzerin und Tanzlehrerin leitete in diesen drohenden Zeiten die Mädchen Tanzgruppe an der sich auch die drei kleinen Carlebach Töchter beteiligten. Von der 18köpfigen Tänzerinnen-Schar überlebte als einzige die Schülerin Ruth(?) Saalfeld. Solo-Sänger und Orchester wetteiferten miteinander und dazwischen immer Jugend- und Schulkinder.
'Arm wie eine Kirchenmaus' das amüsante Lustspiel von Ladislaus Fodor am 22. September 1938, lässt die unerbittliche Tragik der gegenwärtigen Situation vergessen; nicht ahnend was sechs Wochen später über alle jüdischen Gotteshäuser in allen jüdischen Gemeinden Deutschlands hereinbrechen wird. Auftakt zum Untergang...
Aber unterdessen, bis dahin wird musiziert und gelernt, wird geturnt und theatert, und mit Jola Jacobsohn im Kanon gesungen: Wehuda lolam teschew... (übersetzung aus Hawa Nashira)
'Und Jehuda wird fuer ewig bewohnt sein
Und Jerusalem von Generation zu Generation...'

Aussenansicht 1939

Logensaal 1933-1939

Lesesaal 1933 - 1939

Restaurant um 1904


Die Madrichim (Gruppenleiter)

Und wer sind die jungen GruppenleiterInnen, die den jüdischen Kindern einige Stunden der Entspannung 'organisieren'? Last uns erkennen! Also:

Letzte Reihe, ganz links - Joel Eisner?

Und der Zweite, ganz von rechts - ist das nicht Heinrich Eisemann?

Links, neben ihn mit dem Bärtchen, der angehende Jugend-Rabbiner Se'ew Walter Gotthold...

Wer ist der junge Mann mit dem Schal (in der Mitte)? Das wissen wir nicht, aber wir kennen den verehrten Jugendleiter Bobbl (Salo Carlebach), gleich rechts von ihm. Bobbl wurde noch im KZ Lager 'Janosch Korschak' genannt.

Hier ist Bobbl noch mal ganz deutlich mit Fraenkel(?), 1934

Basken und Schiebermütze - mit offenem oder verhaltenen Lächeln - das hier sind Jungens aus der Gruppe von Alfred Benjamin, der nie mit auf den Bildern ist. Da er nämlich immer der Fotograf sein muss...


Hier sind die ebenbürtigen, gleichberechtigten Gruppenleiterinnen - 'das weibliche Geschlecht':
Ganz links und kurz bezopft - Eva Carlebach, neben ihr - Lola Behrend;
neben ihr eine zweite bezopfte, natürlich Edith Kahn und ganz vorne, in der Mitte lacht Rachel Schloss

Dagegen ganz hinten, ernst und erwachsen - Fanni Bari...
Wer also sind die anderen? Nach der Reihe:
Fanni Bari, die drei Schwestern Betti, Rosi und Edith Kahn,
dann erst Rachel Schloss, Bobbl und Kurt Gotthold...
Zum Abschluss Eva Carlebach, so lachend zusammen mit Esther Jonas. Kennzeichen: Buch unterm Arm ...


Das bunte Kulturleben

Sportwettkämpfen, 1934

Schachwettbewerb
Joseph Carlebach als Schiedsrichter, 1936

Vortrag von Oberrabbiner Dr. Joseph Carlebach, 1935


Der liberale Rabbiner Joseph Norden mit dem frommen Rabbi Joseph Carlebach bei den Chanukaaufführungen

Singwettbewerb. In der ersten Reihe mit den Zöpfen - Noemi Carlebach

Sara Carlebach (10 Jahre)
Dirigentin bei einem zweistimmigen Kinderchor im Kulturbund

Ausschnitt aus dem 'Israelischen Familienblatt' vom 22. September 1938


Die Musik und die Musiker

Dr. Jola (Joseph) Jacobsen

Joseph Jacobsen hatte eine besondere Begabung dafür, Schülern die Schönheit der Musik und ihre Feinheiten zu vermitteln. Unter seiner Anleitung entstanden auch anspruchsvolle musikalische Aufführungen.
Dieses Foto wurde von Zew Walter Gotthold aufgenommen, der im Schulorchester sass.

'Hawa Naschira'. Das Liederbuch, verfasst von Joseph Jacobsen und Erwin Jospe, 1935

Zeitungsartikel aus dem Jüdischen Gemeindeblatt vom 17. Juni 1938


Solist Leon Kornitzer

Tänzerin und Tanzlehrerin Erika Milee

Zeitungsausschnitt aus dem 'Israelitisches Familienblatt' von 22. September 1938

Die letzte Tanzgruppe, unter ihnen Noemi und Sara Carlebach, 1941

Von der 18-köpfigen Tänzerinnen-Schar überlebte als einzige die Schülerin Ruth (?) Saalfeld



Ein Tag auf einem Luxury-Liner, 1937
A London family's summer vacation to the Northern Capitals, Hamburg and Nazi Germany
Told by Nigel Bobroff

This story begins in August 1937 when my great-grandparents Leopold and Lily Hirshfield of London took a cruise to northern European cities with two of their children, Desmond and Joan on board the luxury cruise ship, the TSS Arandora Star. The ship left England on 14th August 1937, returning on 3rd September. The cruise included stops at Oslo, Gothenburg, Copenhagen, Aarhus, Stockholm, Helsinki, Tallinn, Zoppot, Danzig, Bornholm, Travemunde, Lubeck and finally Hamburg before returning to Southampton.

Sixty five years later, on a summer afternoon in 2002, I would discover hidden in the back of a cupboard, a photographic diary of the trip compiled by Desmond. From within its pages, a fascinating and tragic story captured on that summer holiday would emerge.

My great grandfather Leopold, was born in Birmingham, England in 1889 and died in London in 1966, his wife, Lily was born in London in 1889 and died in London in 1978, I remember Lily only vaguely as I was twelve when she died and sadly I never knew Leopold who died in the year I was born. Leopold was the son of Tobias Hirschfield, a Polish immigrant who came to England circa 1870, before marrying Rosa Cohen from Leeds, England in 1876. Lily was born and raised in London, the daughter of an affluent tailor.
At the time of the cruise, Leopold was an active local councillor in Hendon, a suburb of London. The family were affluent but not wealthy and lived in Golders Green, a leafy suburb of north London in the 1930's. Leopold and Lily had three children, Desmond, born 1913, died 1993, later to become The Lord Hirshfield, Norman, born 1915, died 2000 (my grandfather), later to become Mayor of Barnet (in London) 1975-1976, during which time Barnet would become twined with Ramat Gan in Israel and Joan, born 1920, died 1993. Both the sons were well educated having attended the City of London School during the 1920's.

The entire journey was meticulously photographed and recorded with a detailed commentary of events by Desmond. A beautiful leather bound album commemorating the trip was produced by him and upon his death was among some possessions inherited by his brother Norman. A year or so after Norman's death, whilst looking through some of his papers, together with my sister Lara, I stumbled upon the album in the back of a cupboard. It was to reveal the remarkable story of their summer which had lain dormant for some 65 years.
For so many of the people and places featured within the album, tragedy and heartbreak on an unimaginable scale would occur within just a few years.

Introduction page from album compiled by Desmond Hirshfield
September 1937


On Board

As far as I am aware the purpose of the trip was a vacation, a family holiday on a luxury cruise with the rich and famous of the day. The mood on board the ship was certainly jovial with lots of games and events being held on the decks during the many days at Sea.
It appears from the photographs that my family became friendly with many of the other guests including the Stamp family of England. Sir Josiah Stamp (later Lord Stamp) was holidaying with his wife and family. Sir Josiah was reputed at the time to be the 2nd richest man in England. He was a director of The Bank of England and The London, Midland and Scottish Railway Company. Sadly, he would soon be killed, together with his wife and Eldest son during the 'Blitz', the German bombing of London in 1940.

High spirits aboard Arandora Star. Desmond pictured 2nd from the left


Arandora Star

Arandora Star was one of the best-known ships in the world. Built in 1927 by Cammel Lairds Shipyard, the ship accommodated 400 guests in luxury first class surroundings which included a Louis XIV style dining room, ballroom, saloons, swimming pool, promenade and games decks. Guests relaxed in the sun or participated in games and competitions during the day, whilst being wined and dined at night in the company of the ship's captain.
Just two years later, when the war broke out in 1939 the ship, under the command of Captain E.W. Moulton was on passage to New York. On her return to England she was used for the transportation of troops under escort of various battleships.
She left Liverpool for the last time on June 29th 1940, to embark a large number of German and Italian internees and some prisoners of war destined for St. Johns, Newfoundland. These internees primarily consisted of enemy aliens, but during the first two years of the Second World War other aliens were also interned, including refugees who had fled Nazi Germany to escape persecution. In all she carried 1,673 people, including 174 crew, 200 military guard, 1213 German and Italian internees and 86 prisoners of war.
The weather was fine when the ship, unescorted, reached the open sea. All went well until 6.15 a.m. on the 2nd July, when the she was suddenly torpedoed by a German U-47. The torpedo struck and the engine-room was flooded. Two engineer officers and all the men below deck were either drowned or killed in the blast. The turbines were completely wrecked. The generators were put out of action, which flung the ship into complete darkness; and all communications between the bridge, engine-room and wireless office were destroyed.
The rescue operation was greatly hampered by the prisoners on board and whilst some life rafts were lowered they were to become greatly overcrowded. At about 7:15 am with the ship about to sink, Captain Moulton and his senior officers walked over the side as the water came up to meet them. At 07.20 a.m. the Arandora Star rolled over, flung her bows vertically in the air and went to the bottom, carrying many people with her.
In the tragic disaster, Captain E. W. Moulton and 12 other officers, together with 42 of the crew lost their lives. 37 military guard were drowned, with 470 Italians and 243 Germans, a total death roll of 805 of the 1,673 carried. This disaster led to vigorous protests about the British internment policy, which in response to this disaster was changed to internment of enemy aliens in camps in Britain only.
Such was the loss of life, the name Arandora was never again used by the Blue Star Line.


In Nazi Germany

A particular theme of the trip, which stood out to me upon first viewing the photographs were the many trips my family took to the Synagogues in the towns and cities that they visited. They visited a Synagogue wherever they went. I could not help but wonder how many, if any had survived the Nazis. My great uncle took tourist snaps of soldiers in Nazi uniform and street scenes with the swastika flag prevalent throughout.
Also there were pictures of people whom they had met during the trip, including the Rabbi Carlebach and his family at their Synagogue in Hamburg.
My family visited the Synagogue of Hamburg on 31st August and were later to enjoy hospitality at the home of Rabbi Carlebach, his wife Lotte and nine children. In addition to photographs of the interior of the synagogue, including the 'treasures', were pictures taken in the Carlebach's garden, family pictures which inspired me to try to trace the participants. Although Germany was under Nazi rule, the pictures offered no clue to the tourists of the horrifying events that would materialise just a year later.

The mood in the garden that August day appears cheerful and the photographs show a happy family scene. I am not sure whether this would have been the case at the time or indeed whether my family had any inclination as to the seriousness of the situation unfolding in Germany. Jewish Family life in London in the 1930’s was comfortable and Jews in Great Britain were not particularly threatened or harassed. I do not know whether the visit was just a coincidental meeting on a family holiday or if indeed it had been planned sometime before. I expect that Rabbi Carlebach did discuss the intolerable state of affairs with his guests and perhaps my relatives were able to understand for the first time just how serious the political situation had become for Jewish families throughout Germany.

In little over a year the historic Synagogue would be destroyed by the Nazis and Lotte Carlebach would be in the midst of a heroic and desperate struggle to find homes in Britain for the Jewish children of Hamburg. Many of the children who were 'lucky enough' to find homes in Britain via the Kinder transports would never see their parents and loved ones again. I can recall my grandfather once telling me that Desmond had worked in Germany before the war, but unfortunately I have no idea why. Did my relatives play a part in assisting with those transports and if so, how could I find out what they did and how they did it?
Certainly there is evidence that Desmond did assist in the evacuation of Jewish teenagers and young adults and according to a book about his life 'Labour's Visionary - Lord Hirshfield' he spent much time during the second world war working at 'Bloomsbury House' where the Jewish community had set up an emergency headquarters. The book states that Desmond was familiar with German and Germany and that Desmond was active on many levels.
'Until December 1939 refugees were admitted on the understanding that their maintenance would be guaranteed by the Jewish Community, and Desmond importuned friends, relations, clients and even casual contacts to act as guarantors. He also busied himself in finding homes and, perhaps most difficult of all, jobs for the newcomers.' It goes on to say that 'After negotiations with the National Union of Agricultural Workers and the Ministry of Labour, Desmond helped to work out a scheme which enabled over a thousand Jewish newcomers, all in their late teens or early twenties, to find jobs on the land'.
So it would seem that Desmond was involved with the 'Movement for the Care of Children from Germany'.
Further evidence of Desmond's work has been provided by Prof. Gillis-Carlebach in her document 'A Story Behind Three Letters', June 2003


Photographs from the interior of Rabbi Carlebach's Synagogue, Bornplatz

Rabbi and Lotte Carlebach in their garden

Rabbi and Lotte Carlebach with eight of their children in the garden of their home together with Leopold, Lily and Joan Hirshfield


The nine Carlebach children on board the 'Arandora Star'

The following day 1st September, the nine Carlebach children would visit my family on board the 'Arandora Star', a visit which Desmond entitled 'The happiest event of their lives'.
The Children were laughing and enjoying the ships entertainment. Some of the children are pictured participating in amusement events on board the ship. They are just ordinary happy children enjoying a summers day out with some foreign visitors on their luxury cruise ship. One can not sense the horror that will befall these children within a matter of months and years.
It was whilst looking at these particular photographs of the Carlebach family that I knew I had to try to trace any of the children, or failing this to establish what happened to them during the years that would follow. My research, via the internet led me to many stories of the Jews of Hamburg, including a 'History of the Jews of Hamburg'.
It was here that I learnt that Rabbi Joseph Carlebach, his wife and four of their children were deported in 1941 to Riga, where Rabbi Carlebach, Lotte Carlebach and the three youngest children, Ruth-Rosa, Noemi and Sara-Stella would tragically be murdered by the Nazis.
I now could not help but to think I was in possession of pictures which could be extremely precious to any of the surviving family, if indeed there were to be any.
Time was perhaps going to be against me in tracing any of the older children who may have survived. Yet I knew that I had to find out what had happened to the other five children and I hoped that if any were alive they would want to see these pictures.

All together near the Bathing-Pool


Epilog

I could not understand why these pictures had effectively been shut away for so long, perhaps the memories of what had happened to the Carlebach family and so many others met on that summer vacation were too painful to my relatives or they had simply chosen not to reminisce, or indeed worse still, they had forgotten. Perhaps they had remained in touch with the surviving family members after the war. I did not know the answers and nobody alive could tell me. Either way, I knew I had to find out; I could not put the album back into the cupboard. There were people whose lives it could enrich and there were stories that it could tell which should be told to future generations.
In searching for answers, I was very fortunate that the Carlebach family was so prominent amongst the Jewish community of Hamburg, this enabled me to search with more ease than I had at first imagined and very soon I would find myself reading about the 'Gemeinde-Synagoge Bornplatz', today 'Joseph-Carlebach-Platz', the site of the Synagogue where a memorial now stands. I would read testimonies on-line about the Carlebach family where one name would stand out, that of Prof. Miriam Gillis-Carlebach, a daughter of Rabbi Joseph and Lotte. She was to be the last surviving member of the family.
I found Prof. Gillis-Carlebach in the directory for the Bar-Ilan University in Ramat-Gan near Tel-Aviv, in itself a coincidence as my grandfather, Norman had been instrumental in twinning the Borough of Barnet with Ramat-Gan during his year as Mayor of Barnet in 1975-76. When I came across an email address for her, I suddenly felt some trepidation as to whether I really should get in touch. But I knew I had to. That night I wrote the following...'


London, England
Monday, 1 July 2002

Dear Professor Gillis-Carlebach,
I understand that you are a daughter of the late Chief Rabbi of Hamburg, Dr Carlebach. I am writing to you as I am in possession of photographs of you and your family which I believe will be of interest to you and I do not know if you have seen.
I am the great nephew of the Late Lord Desmond Hirshfield and the great-grandson of Leopold Hirshfield of London. You may recall spending time with them, together with my great grandmother, my great aunt and your family in August 1937, when they travelled to Hamburg on board TSS Arandora Star.
Lord Hirshfield left the photographs after his death to my grandfather (Norman Hirshfield) who in turn left them to his family.
There are a number of photographs of your family in the garden of your parent’s home and on board the Arandora Star. The pictures include all of your brothers and sisters, both with your parents and separately. There are photos of you playing various games, including 'Bat Tennis, Table Tennis and Shuffleboard' on board the ship, against which my great uncle wrote: 'A little reminder of the afternoon spent by Dr Carlebach's children aboard the 'Arandora Star'.
Also included in the collection are photographs of your father's magnificent Synagogue in Hamburg. These pictures show the 'Entrance door, The Ark and Pulpit and the Al Memer and Ark', together with pictures of the synagogue 'Treasure'.
I have no way of knowing whether you have seen these photographs or had any contact with my great uncle since 1937, however I shall be only too delighted to send you copies. I very much look forward to hearing from you.

Yours sincerely,
Nigel L. Bobroff
There would follow an anxious wait for a reply and I could not help but think I might not receive one. Some two weeks later, just as I was beginning to wonder if I would hear anything, I was to receive the following reply:

Dear Nigel Bobroff,
You can't imagine the great surprise and joy you caused to me by your letter. I just returned from a two weeks visit in Hamburg and between other documents I was looking for authentic family pictures. I admire your way finding my e-mail address and in return I answer you by e-mail, because this is the quickest way and I don't want to let you wait for my reply.
Yes of course I am very very much interested to get the pictures; I remember the visit of your noble Lord Hirshfield family in our home in the Hallerstrasse and later the "dream visit" on the ship. I wonder whether you read German, because I wrote about this visit in a book called "every child is my only one" (Hamburg 1992,1993, 2000). May I ask you, if there are any letters or any other correspondence between my father, Rabbi Dr. Joseph Carlebach or my mother Lotte Carlebach and your family? Everything is of most interest for me.
Please tell/write me, what I could possibly do for you as a sign for my gratefulness. Please send the pictures to the 'bold' address below.
I hope to meet you one day in Israel in the Carlebach Institute...
Sincerely yours,
Prof. Miriam Gillis-Carlebach
Institute Director
Joseph Carlebach Institute
Bar-Ilan University Ramat-Gan Israel
14 July 2002

I have attached to this story a document I received in July 2003 from Prof. Gillis-Carlebach entitled 'A Story Behind Three Letters'.
I have written this story because Prof. Gillis-Carlebach has asked me to do so. Yet I am pleased and honoured that she did. I am very proud to have inherited, almost by accident, this wonderful and poignant album, which in addition to helping me to know more about my own family at the eve of the greatest European and Jewish tragedy in history, has so many years later greatly touched one of the key surviving participants, Prof. Gillis-Carlebach, who's own life has been so dedicated to helping people like myself understand (if one can really understand) the devastation and horror suffered by so many.
I am deeply inspired to have befriended the Carlebach family so many years after that first meeting and I hope that this story will no longer be forgotten.
Nigel Bobroff
London, March 2006.

A London family's summer vacation to the Northern Capitals, Hamburg and Nazi Germany
Ein Tag auf einem Luxury-Liner - Fotoalbum



Familie Carlebach

Rabbi Joseph and Lotte Carlebach with eight of their children in the garden of their home together with Leopold, Lily and Joan Hirshfield

Photographs from the Rabbi Carlebach's Synagogue, Bornplatz


In Nazi Deutschland



Die Holsatia-Werke
gegründet von Julius Neumann, weitergeführt von Erich Buchholz

Jeder in Altona-Hamburg kannte damals die Holsatia-Werke, von der Gründung in den neunziger Jahren bis zur verschleierten Arisierung...
Und wer kennt die Holsatia-Werke heute? Wer erinnert sich an dieses einzigartige Projekt und könnte uns darüber berichten? Wer waren die Initiatoren und was war das besondere daran?
Mühselige Sucharbeit führte uns zu den Spuren - über den Weg von zwei tiefgedanklichen Eulogien von Joseph Carlebach - erst zum Tode des Gründers der Holsatia-Werke, Julius Neumann (1930) und dann zu dem Nachruf auf seinen Nachfolger, Dr. Erich Bucholz (1932); beide aussergewöhnliche Persönlichkeiten - und endlich kamen wir zu spärlichem Archivmaterial im Hamburger Staatsarchiv.
Und der Befund? Eine fast hundert Jahre alte Zeitungs-Seite, eine Kurzbeschreibung im Handelsbericht-Buch und eine verschleierte, unverständlich komplizierte Dokumentation über die Arisierung und Auflösung - bis zur vollkommenen Vergessenheit...
Eigentlich war die Holsatia ja 'nur' eine Holzfabrik mit etwa zehn Werkstätten; aber sie fabrizierte einfach alles: von der kleinen, gewöhnlichen Streichholz-Schachtel bis zur vornehmen Zigarrenkiste, von sachlicher Büroausstattung in minimal angedeutetem Bauhaus-Stil bis zu wohnlichen Möbeln. Hier ein Schreibtisch und ein Sessel, dort eine Kommode. Na und? Ja und - denn hier ist die Rede nicht nur von weitarmigen End-Produkten, sondern auch von ganz aussergewöhnlich verzweigten Herstellungs-Phasen.

Alles, einfach alles wurde in den Holsatia-Werken selbst und selbständig geschaffen: nicht nur die Holzplatten- und leisten, auch die Scharniere, auch die Spiegel und sogar der klebrige Leim. Auf weiten Flächen wurde Torf angelegt, um so den Mangel am Rohmaterial - es waren die Nachkriegsjahre - zu ersetzen. Und vorsorglich wurde auch in der Fabrik selbst für fachlichen Nachwuchs gesorgt, durch eine extra eingerichtete Lehrlings-Werkstätte.
Und wie es innen zuging veranschaulicht uns die alte vergilbte Seite 6 der damaligen 'Deutschen Übersee-Zeitung': 200 Arbeiter sorgten für erstklassige Qualität, Modelle und Musterbau wurden gelobt, wie auch die Hand- und Maschinen-Schnitzerei, die Sparverwendung von 'Abfällen' und der vorbeugende Schutz gegen Witterungseinflüsse...
Doch nicht nur aus der Sicht der Materialien und der Fabrikation waren die Holsatia-Werke so lobenswert - erstmalig wurde für die Arbeiter gesorgt: für angemessene Arbeitsstunden, für hygienische Einrichtungen und last not least - für kulturelle und geistig anregende Stunden für die gesamte Arbeiterschaft - vom Lehrling bis zum Meister. Einfach 'einmalig'. Und der Zeitungs-Artikel endet mit den Worten: Die Holsatia-Werke sind ein 'Beitrag zum Wiederaufbau der deutschen Vaterlandes...'

Bilder aus der 'Deutschen Übersee-Zeitung'




Blitzlichter zur Veranschaulichung der Holsatia-Werke



Nur das Wort 'jüdisch' wurde weggelassen...
Jüdisch war der Gründer Julius Neumann - und der Zionist Dr. Erich Buchholz, war der Nachfolger.

Julius Neumann [1869 -1930]

Er war Ehrensenator der Stadt Altona und Vorstandsmitglied der Altonaer jüdischen Gemeinde, wie auch grosszügiger Unterstützer der Altonaer hochdeutschen israelitischen Gemeinde-Schule.
Vor Allem war Julius Neumann der Initiator und Gründer der Holsatia-Werke; von ihm wurden sie aufgebaut - mit Seele und Verstand, mit Energie und scharfer ökonomie-Einschätzung, mit Anpassung an die Gegenwart, mit Schau auf die zukünftige Entwicklung und mit der unermüdlichen Unterstützung seiner Frau Paula, geborene Krotochina. Und eigentlich war und blieb die Familie auf verschiedene Weise mit den Holsatia-Werken verbunden.

Familie Neumann

Der Sohn, Dr. Hans Yecheskel Neumann (später in Israel) war in den Holsatia-Werken der Spezialist für die Ausgiebigkeit der Holzschneiderei.
Die Tochter, Lili-Elizabeth (1902-1984), hatte bis zu ihrer Auswanderung die Buchführung des Konzerns übernommen; in Jerusalem gründete sie eine kleine Werkstatt für Farben, Leim und Politur, die den Namen 'Dr. L. Neumann' führte.
Edith (verheiratet mit Dr. Kurt Nelken) sorgte dafür, dass der Nachlass des Vaters nicht verloren gehe (1905-1994);
Judith, heute in der Nähe von Tel-Aviv, entwirrte für mich die Familiengeschichte, zusammen mit dem Enkel, Professor David Nelken.

Von links nach rechts:
die Ehefrau Paula Neumann, geb. Krotoszxyner, die Tochter Edith Nelken, Julius Neumann, die zweite Tochter Elizabeth
Als nach langwieriger Krankheit der Tod Julius Neumann zu früh erreichte, überboten sich die Zeitungen in trauer-lobenden Anzeigen; jeder wollte seinen Gefühlen bei der Beisetzung Ausdruck geben, angefangen mit der Ansprache von Oberbürgermeister Max Brauer und bis zum Vorsitzenden vom Arbeiterausschuss. Mitfühlende Beileidsbriefe kamen von allen Seiten.
Und dann ertönte der Nachruf von Oberrabbiner Dr. Joseph Carlebach mit dem biblischen Doppelruf: 'Tröstet, tröstet mein Volk!' (Jesaja 60,1)
'Julius Neumann, diese jüdische Persönlichkeit, dieser Mann voll Tatkraft und reinen Idealen, ein Genie der Arbeit bis zur Selbstvergessenheit. In ihm brannte die Sehnsucht nach einer besseren gerechteren Weltgestaltung. So wurde es zum Ziel seines Lebens die Armut zu scheuchen... ein grosses soziales Gewissen erfüllte ihn... Unerschöpflich war sein Geist in der Idee, durch Ersparnis an Material, durch schöpferische Vereinfachungen... um die Verdienstmöglichkeiten zu Gunsten des Arbeiters zu erhöhen...'

Dr. Erich Buchholz [1893-1932]



Der von Neumann erwählte Mitverantwortlicher und späterer Nachfolger war Dr. Erich Buchholz, der Zionist. Schon damals, in den 20er Jahren lehrte er seine Kinder Hebräisch und Arabisch und veröffentlichte seine zionsliebenden und wirtschaftlich praktischen Artikel für Israel (damals Palästina). Buchholz war gleichzeitig ein tiefblickender Philosoph und genialer Wirtschafter, seine zentrale Parole für die Holsatia Werke war Ausfuhr; er entwickelte Handels-Beziehungen und Export nach ägypten, nach Palästina und dem weiten Orient.
Seine sehnsüchtige Zionsliebe verbunden mit sprachlicher Schönheit kam auch in seinen Psalmen-übersetzungen zum poetischen Ausdruck:
'...Erlähmt mir je die Erinnerung an dich, Jerusalem
Gelähmt sei meine Rechte.
Am Gaumen klebe mir die Zunge, so ich je
Dein Bild vergesse, so Jerusalem
Mir nicht den Sinn erhöht zum letzten Glück!'
(Psalm 137, 4-6)
Erich Buchholz war kriegsverletzt; schwermütigen Herzens lastete auf ihm die Verantwortung für die Holsatia-Werke in der fortschreitenden Wirtschaftkrise und der ansteigenden antisemitischen Atmosphäre. Besorgt um seine Familie, drängte er auf ihre Einwanderung nach Israel. So wurden seine Frau und seine drei Kinder damals gerettet, nachdem ihn sein übereilter Tod von seinen Leiden erlöste.

Seine Frau Edith verstarb frühzeitig und auch die drei Kinder: der Sohn, Max-Moses (später Universitäts-Professor Budmor für Musikologie in New Jersey), wie auch die Töchter, Ruth, die Historikerin, und Alisa, die treue Behüterin der vielseitigen schriftlichen Nachlässe ihres Vaters, alle drei folgten ihr allzu früh.

In Rabbi Carlebachs Eulogie rief er Erich Buchholz, dem brillanten ökonomiker, dem tiefdenkenden Philosophen und dem mitleidenden Menschen, Goethes Worte zu:
'Sei gefühllos! Ein leichbewegtes Herz
Ist ein elend Gut
Auf der wankenden Erde!'
Und mit folgenden weiteren Worten beschrieb und betrauerte ihn Rabbi Joseph Carlebach:.
'Erich Buchholz war ein genialer Mensch von grösster Tiefe und Weite des geistigen Könnens, ein Forscher und Grübler, an dessen Ohr die Stimmen von jenseits der Sterne klangen, der scharfsichtig alle Verstrickungen und Verwicklungen des wirtschaftlichen Lebens durchschaute. Er war ein Wunderwerk des Charakters und der Begabung...'




Ja, wer kennt die Holsatia-Werke heute? Wer erinnert sich an dieses einzigartige Projekt und könnte uns darüber berichten? Und wer waren die Initiatoren und was war das besondere an ihnen, an dem Wirken ihres Geistes und dem Werk ihrer Hände....

Die Hamburger Mazzefabrik: kreisrunde Mazzes
Fotoalbum

Kreisrunde Mazzes -- das Brot der Armut -- das Brot der Befreiung -- das Brot der Hoffnung


Eine Hamburger Besonderheit soll nicht unerwähnt bleiben: die Mazzoth-Fabrik des Deutsch-Israelitischen Synagogen-Verbandes Hamburg von Leopold Katz, Kohlhöfen Nr. 20

Leopold Katz - der Besitzer
der Hamburger Mazzefabrik


Eine (er)bauliche Geschichte
(gemäss: Irmgard Stein, Jüdische Baudenkmäler in Hamburg, 1984)

Das für das Pessachmahl im häuslichen Familiengottesdienst ungesäuerte Brot wurde jahrhundertelang, zumeist von mehreren Hausfrauen, gemeinsam zubereitet. Später übernahmen kleinere Bäckereien das mühselige Geschäft, das 'Brot der Armut', Brot der Knechtschaft herzustellen; es wurde endlich zum 'Brot der Befreiung', als unsere Väter aus Ägypten auszogen. Die rituellen Vorschriften wurden immer eingehalten - unter rabbinischer Aufsicht.

Im Jahre 1890 entschloss man sich in Hamburg, Industrie und Technik in den Dienst dieser Sache zu stellen. Auf dem Grundstück der Deutsch-Israelitischen Gemeinde, Breiter Gang 42, und einem Streifen des Grundstücks hinter der Kohlhöfen-Synagoge wurde 1892 eine Mazzoth-Fabrik errichtet, welche 1893 die maschinelle Produktion von Mazzoth übernahm. Zwar geschah das Zureichen und Einrichten zunächst noch weitgehend von Hand, aber im Laufe der Jahre wurden die Maschinen immer mehr modernisiert, so dass ein grosser Teil der jüdischen Bevölkerung Deutschlands mit denen in Hamburg hergestellten Mazzoth versorgt werden konnte.

Durch den Verkauf des Grundstücks Kohlhöfen fiel auch die Mazzoth-Fabrik Ende 1934 dem Abbruch zum Opfer. Neue Räume für die Aufstellung der Maschinen wurden jedoch bald gefunden, und zwar im benachbarten Wandsbek, im Gebäudekomplex einer Kakao- und Schokoladenfabrik... Hier fand die Mazzoth-Fabrik eine neue Betriebsstätte, so dass sie ihre Kunden - vor allem auch die grossen orthodoxen Gemeinden in Berlin, Frankfurt a.M., Leipzig usw. - zum Pessachfest 1935 wieder mit den von ihr hergestellten kreisrunden Mazzoth beliefern konnte.

Eine bauliche Besonderheit verband die neue Mazzoth-Fabrik mit der in der Vergangenheit benachbarten Kohlhöfen-Synagoge: die Tür der Kohlhöfen-Synagoge wanderte mit nach Wandsbek; diese Tür, die vorher in den Hauptraum der Synagoge geführt hatte, wurde nun zum Eingangstor zu der Fabrik, 'um die Erinnerung an eine der historischen Stätten der Hamburger Judenheit in einem der religiösen Ausübung geweihten Betrieb festzuhalten'.



Mazzen in nicht-jüdischer Umwelt
(gemäss: Helga Frobeen. Fünfzig Jahren, Denkmal eines Familienlebens. Ostermoor, 1951)

1925 - Ich erinnere von jenem Jahre, dass ich mit Vater einmal in der jüdischen Mazzenfabrik war, die damals hinter einer Synagoge in den Kohlhöfen gelegen war. Dort liefen Maschinen, die Vater gebaut und geliefert hatte. Ein Herr Katz, der Pächter, war dort. Irgendetwas wurde gefeiert, wir assen hinterher Mazzen, mit braunem Zucker bestreut...

1938 - Wenn ich in diese [späteren] Jahre zurückschaue, so sehe ich wenig Ereignisse, bei denen man in der Erinnerung gern verweilen möchte. Es fehlen ihnen die Licht- und Höhepunkte, ... ein grosser Teil meiner Empfindung fällt jedenfalls den Zeitumständen zur Last, die gar nicht dazu angetan waren, eine besondere Lebensfreude zu erzeugen - ganz im Gegensatz zur öffentlichen Propaganda, die sich förmlich in der Betonung der neu gefundenen Lebensfreude überschlug. An sich waren wir gar nicht 'dagegen', hatten durchaus volles Vertrauen zum 'Führer', meinten nur, er wüsste nichts davon, wenn mitunter manche Dinge doch zu verquer liefen. Irgendwie hatten wir alle das Gefühl, in einem Gefängnis zu sein.

Das wurde im Laufe dieses Jahres noch viel stärker und wurde zu richtiger Beklemmung, als im November die grosse Judenhetze losging. Da hat es einem manchmal doch den Atem verschlagen.
Wir hatten von jeher viel mit Juden zu tun gehabt und haben das in keiner Weise zu beklagen brauchen. Zuletzt war noch Herr Katz da, der Pächter der Mazzenfabrik... Herr Katz hat es wirklich fertig gebracht, bis in den Krieg hinein unter der Oberaufsicht der Geheimen Staatspolizei Mazzen zu backen und diese der Devisen wegen nach Dänemark zu liefern. Auch er war im KZ gelandet, aber daraus wieder entlassen worden, eben um die Mazzen des ausländischen Mammons [Kapitals] wegen zu backen. Hernach wäre es bestimmt auch um ihn geschehen gewesen, wenn er nicht noch Anfang 1941 hätte nach den USA flüchten können.

Maschinen, die Scheffuss bei Firmeninhaber Frobeen baute

Nun geht`s los - Mazzes werden nur aus Wasser und Mehl hergestellt

Mazzemaschinen für hauchdünne, zerbrechliche Mazzes

Schlussakt



Tag- und Nachtbäckerei
(gemäss: M. Gillis-Carlebach. 'Jedes Kind ist mein Einziges'. Hamburg, 1992.)

Brief von Frau Rabbiner Carlebach an ihre Kinder in London, 7.4.1939:

'...Hier wird es in jeder Beziehung schwierig werden, die Lebensmittelversorgung zu Pessach ist schrecklich schwierig. Gott sei Dank existiert ja noch die Mazzefabrik von Katz, so dass man wenigstens Mazzot hat, aber die Quanten sind natürlich viel kleiner als sonst.'

'… Herr Katz hat geradezu Unglaubliches in seiner Mazze-Fabrik geleistet; sie haben, glaube ich, in den letzten 6 Wochen vor Jomtow Tag und Nacht unaufhörlich gearbeitet…'

'...Ich selbst hing fast den ganzen Tag an der Strippe, der und der hatte keine Mazzot bekommen - dort lachten sie schon immer, wenn ich sie anrief, die Gemeinde da und da hat ihre Mazzot noch nicht! Es ist enorm, was Katz geleistet hat, sie haben die letzten 6 Wochen jede Nacht durchgearbeitet...'


Vertrieb von Mazzes



Kreisrunde Mazzen zwischen Hamburg und Piotrikov
(gemäss: Naphtali Lau-Lavie)

Mein Vater, Rabbi Mosche Chaim Lau, war der letzte Rabbiner von Piotrekow. Aus den Gesprächen, die wir von Zeit zu Zeit führten, erfuhr ich von der engen Freundschaft, die ihn mit Rabbi Joseph Carlebach, dem letzten Rabbiner von Hamburg-Altona-Wandsbek, verband.
Wir verbrachten zehn Tage auf dem Gut von Rabbi Schmuel Eichenbaum im Dorf Schadlisk bei Traweniki, ein Ort der später als Trainingslager der ss-Mörder, die die Konzentrations- und Vernichtungslager leiteten, berühmt wurde. Damals erfuhr ich über die Freundschaft zwischen Vater und Rabbi Carlebach.
Nachdem wir nach Pjotrkow zurückkehrten fiel mir der Briefwechsel zwischen den beiden auf. Erst nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, gegen Ende 1939, diktierte mir Vater einen Brief an Rabbi Carlebach in Hamburg zwecks Abschrift auf der Schreibmaschine. Ich erinnere die Adresse: 'Ostmarkstrasse, Rabbi Joseph Carlebach, Rabbiner der AHW-Gemeinden', die ich auf das Couvert schrieb...

Das nächste Mal stiess ich im Februar oder März 1940 auf den Namen von Raw Carlebach. Mit der Post kam ein Päckchen von Rabbi Carlebach aus Hamburg, mit dem deutschen Vermerk 'Muster ohne Wert', und enthielt getrocknete Feigen als Mischlo'ach Manot [Liebesgabe] zum Purimfest. Nach kurzer Zeit kamen zwei grössere Pakete, jedes 1 Kilo schwer. Sie enthielten runde Mazzen zu Pessach, maschinell (nicht mit Hand) gebacken, während üblicherweise maschinell gebackene Mazzen viereckig waren. Rabbiner und Gelehrte diskutierten über die Kaschrut [rituelle Zulsslichkeit] dieser Mazzen, die man nicht von früher kannte,. Die Diskussion endete mit Vaters Entscheid: 'Mazzen, die Rabbi Carlebach geschickt hatte, seien mit Bestimmtheit koscher, vielleicht sogar streng koscher...'

Zur Zeit des jüdischen Neujahrs (1940) bekamen wir wieder eine Gabe aus Hamburg. Diesmal war es ein prachtvoller Etrog [eine besondere Zitrusfrucht], den die deutschen Zensoren entzweigeschnitten hatten! Nach Beginn des Jahres 1941 wurden die Besetzungsbestimmungen strenger und das Ghetto, das schon seit Oktober 1939 bestand (das erste, das die Deutschen erstellten), wurde beinahe hermetisch abgeschlossen. Wir erhielten Post, konnten aber keinerlei Post mehr absenden. Aber auch in diesem Jahr bekamen wir vor Pessach einige Pakete Mazzen von Rabbi Carlebach aus Hamburg...
Nach den Hohen Feiertagen (1941) erfuhren wir schon von den Gräueltaten, die die Einsatztruppen in Ostgalizien und in der Ukraine verübten, gleichzeitig mit dem Eindringen der Wehrmacht in Russland. Im Rahmen von Vaters Versuchen, mit der Aussenwelt Kontakt zu bekommen, hörte ich mehrmals den Namen von Rabbi Carlebach, als mögliche Kontaktadresse. Vater schrieb einen kurzen hebräischen Brief voll Andeutungen und hebräische und aramäische Kode-Worte und bat mich, Rabbi Carlebachs Adresse in deutschen Druckbuchstaben auf das Kuvert zu schreiben, ohne Angabe eines Absenders. Ich schrieb die mir bekannte Adresse, vergass jedoch den Namen 'Israel' neben den Vornamen 'Joseph' zu schreiben, wie es den deutschen Juden vorgeschrieben war. Vater beschloss, den Briefumschlag ohne den jüdischen Vermerk abzuschicken. Der Brief wurde mit Hilfe eines Nichtjuden ausserhalb des Ghettos abgeschickt, und nach etwa einem Monat kam die Antwort Rabbi Carlebachs an, worin er den Pogrom, der auf seine Gemeinde zukam, andeutete.

Einige Wochen später kamen zwei junge Leute in unser Ghetto: Chaim Jerachmiel Widewski und Jizchak Jostmann, die aus Chlemno geflohen waren, dem ersten Vernichtungslager, das durch Gasvergiftung mordete. Sie erzählten, was sie gesehen hatten. Niemand war bereit, ihnen zu glauben. Aber die Verbindung dieser Zeugenaussagen mit einer Postkarte von Rabbi Carlebach verstärkte bei uns allen das Gefühl des sich nähernden Unheils. Dies erreichte uns im Oktober 1942, als mein Vater, Rabbi Lau mit meinem jüngeren Bruder, Schmuel Jizchak, zusammen mit 28000 Juden aus Pjotrkow in die Gaskammern von Treblinka geschickt wurden... Denn ungefähr zu jener Zeit bekamen wir eine Postkarte irgendwo aus Ostpreussen, gemäss des Poststempels, den jemand auf der Karte entzifferte. Rabbi Carlebach schrieb auf der Karte:
'An meinem Freund, der meinem Herzen nahe steht...
Der Virus ist an unsere Tore gelangt, die Unseren mit Kindern und Alten ziehen aus ins Unbekannte, und ich gehe allen voran...'
Diese Zeilen sind in meiner Erinnerung eingemeisselt. Jedoch am Schluss dieser wenigen Sätze drückte er die Hoffnung aus, dass sie einander noch treffen werden, jeder am Freudenfest des anderen...'

Ansicht von der Siedlerschule Wilhelminenhöhe (1933/34)

Wilhelminenhöhe - aus ersten und letzen Tagen, 1923-1946

'...So war ich die erste, die sich allein entschlossen hatte nach Erez Israel auszuwandern.
Meine Pläne waren auch ganz konkret. Ich wollte weiter zur Schule gehen, bis ich ein Zertifikat bekam, und die Sommerferien 1938 ausnützen um mich in einem Kollektiv-Sommerlager in Wilhelminenhöhe für die Jugend-Alija (Einwanderung) vorzubereiten. Denn seit den frühen dreissiger Jahren diente Wilhelminenhöhe auch als Ausbildungsstätte für jüdische PraktikantInnen aus Hamburg und Umgebung, die sich in der Gärtnerei, im Haushalt und - soweit möglich - auch in der Landwirtschaft für Palästina vorbereiteten.'


I. Wilhelminenhöhe - Wandlungen einer Stiftung
(gemäss: Irmgard Stein, Jüdische Baudenkmäler in Hamburg. Hamburg, 1984)


Wilhelminenhöhe im Vorort Blankenese bei Hamburg war ein weites Gelände, erworben dank einer grosszügigen jüdischen Stiftung. Zum Andenken an Wilhelmine Gotthold wurde es "Wilhelminenhöhe" benannt; und bis heute blieb dieser Name mit fröhlichen und traurigen Erinnerungen verbunden. Ursprünglich sollte dort eine Heilanstalt für jüdische Nerven- und Geisteskranke errichtet werden Aber das Gelände wurde fortlaufend anderen Zwecken gewidmet, durch An- und Umbauten jeweils angepasst.

Sommer 1923 wurde es erstmalig als Ferienkolonie der Kindererholungsfürsorge zur Verfügung gestellt und 1924 endgültig diesem Zweck bestimmt. Das Hauptgebäude wurde aufgestockt und eine Glasveranda, eine offene Terrasse, wie auch Schlafsäle mit anschliessenden Waschräumen und ein Lesesaal eingebaut. Von einem grossen Balkon aus hatte man eine wunderschöne Aussicht bis auf die Elbe hin und auf einen Kiefernwald. Es wurde auch ein Kinderspielzimmer eingerichtet und nicht zuletzt - eine Synagoge.
Im Jahre 1925 wurde eine Abteilung für Säuglinge und Kleinkinder bis zum sechsten Lebensjahr angeschlossen, die bis 1939 in Betrieb war.
Ende 1930 erhielten die jüdischen Jugendorganisationen einen Teil der Räume für ein Landjugendheim, als Ausgangspunkt für Wanderungen in die Umgebung.
Seit Mai 1935 diente das Gebäude auch als jüdische Jugendherberge und jüdisches Jugenderholungsheim. Dazu kamen Zimmer für Pensionsgäste; und zwei rituell geführte Küchen garantierten koschere Mahlzeiten. Seit den frühen dreissiger Jahren diente Wilhelminenhöhe dann als Ausbildungsstätte für jüdische PraktikantInnen aus Hamburg und Umgebung, die sich in der Gärtnerei, im Haushalt und auch in der Landwirtschaft für Palästina vorbereiteten. Für diese Siedlerschule, entstanden um das Haus gartenmässig bestellte Felder, und ein Treibhaus.

1941 musste das Besitztum "Wilhelminenhöhe" von der jüdischen Gemeinde zum Einheitswert an die Hansestadt Hamburg verkauft werden. Bis heute wurde es nicht zurückerstattet.


II. Wilhelminenhöhe in Briefen
(gemäss: M. Gillis-Carlebach, Miriam. Jedes Kind ist mein Einziges - Lotte Carlebach-Preuss, Antlitz einer Mutter und Rabbiner-Frau. Hamburg: 2000)


...So war ich die erste, die sich allein entschlossen hatte nach Erez Israel auszuwandern. Meine Pläne waren auch ganz konkret. Ich wollte weiter zur Schule gehen, bis ich ein Zertifikat bekam, und die Sommerferien 1938 ausnützen um mich in einem Kollektiv-Sommerlager in Wilhelminenhöhe für die Jugend-Alija (Einwanderung) vorzubereiten. Denn seit den frühen dreissiger Jahren diente Wilhelminenhöhe auch als Ausbildungsstätte für jüdische PraktikantInnen aus Hamburg und Umgebung, die sich in der Gärtnerei, im Haushalt und - soweit möglich - auch in der Landwirtschaft für Palästina vorbereiteten.

Das Sommerlager Wilhelminenhöhe stellte vieles in den Hintergrund. Die dortige Arbeit im Garten und in der riesigen Küche, die Gemeinschaft mit fast nur Gleichaltrigen, und vor allen Dingen das äusserst intensive Hebräisch- und Jüdischlernen - übernahmen örtlich und gedanklich die aktiven Hauptrollen, während Hamburg 1938 und die allgemeinen Geschehnisse als mehr passive, aber wie in einem Albtraum, ununterbrochen drohend, unaufhaltsame Kulissen wirkten. In Wilhelminenhöhe war die Hauptfrage für jeden einzelnen von uns: Ob er den Anforderungen Genüge trage, um für eines der so spärlichen Zertifikate bestätigt - oder "zurückgestellt" werde.
Das war keine Prestigeangelegenheit. Ein Zertifikat bedeutete Lebensgarantie. Ich kam zur Bar-Mitzwa-Feier meines jüngeren Bruders schon fast wie eine Ausgewanderte - mit der Bestätigung für ein Zertifikat.


Aus einem Sammelbrief von Lotte Carlebach über die Bar-Mitzwa, Ende August 1938:
...am Freitag morgen kam dann Mirjam 'eingetrudelt', die ihr Vorbereitungslager zur Jugend-Alija in Wilhelminenhöhe gerade absolvierte und zwei Tage Urlaub bekommen hatte. Inzwischen ist sie zur Alija bestätigt worden und wird wohl im Laufe dieses Winters nach Erez (Israel) gehen.

So hat Wilhelminenhöhe mir das Leben gerettet...


B"H Meine geliebte Oma, (2. März 1939)
Letzten Schabbat waren wir in Wilhelminenhöhe, wo es ganz herrlich war. Jo fühlte sich nach allem (was in Hamburg geschah) doch sehr erholungsbedürftig. So fuhren er und ich am Mittwoch Nachmittag heraus, Donnerstag waren wir allerdings einige Stunden in Hamburg, weil Jo dort 'amtlich' zu tun hatte.
Am Freitag Nachmittag liessen wir dann die drei Kleinen (Schwestern) und Shlomoh herauskommen. Esther war ja in Berlin und Eva hatten sie im letzten Moment noch wieder zur Mithilfe bei der Leitung eines Jugendlagers gerufen.
Das Wetter war herrlich, und wir hatten ein paar wunderschöne Tage dort - nur zu kurz. Vielleicht lässt sich das bald wieder machen.
Morgen müssen wir unser Silber abgeben, viel ist es ja nicht. Deine Lotte.

Meine geliebte Oma, (8. August 1939),
Ich weiss, ich bin furchtbar schlecht, ich habe so ewig nicht mehr geschrieben - es ist unmöglich! Ich komme einfach nicht mehr dazu. Ich hätte so schrecklich gern, dass Jo noch einmal für ein paar Tage weggeht. Er kann sich nicht entschliessen, und man weiss ja auch wirklich nicht wohin. Vielleicht wird in Wilhelminenhöhe noch etwas frei, aber ein Vergnügen ist das auch nicht, bei dem Riesenbetrieb dort (es sind jetzt immer z .Zt. 70 Kinder draussen, ausserdem alles voll mit Sommergästen). Auch sind die Betten da so schrecklich. Dass mich das so stört, daran merke ich, dass ich alt werde. Sonst ist es da draussen ja wirklich sehr schön, Luft, Essen etc.
Shlomoh war 3 Wochen da, kommt heute zurück, Baby (Sara) war 3 Wochen da (jeder mit seiner Klasse). Und diese Woche kommen wahrscheinlich Ruth und Noemie raus...
Seid alle zusammen innig gegrüsst, Deine Lotte.
In Wilhelminenhöhe hatten meine ELTERN zum letzten Mal etwas Erholung

Ruth an Eva Carlebach, England (21. August 1939)
B"H Geliebte Eva Loj"t
Also erst einmal 1000 Dank für Deine liebe Karte. Hier [in Wilhelminenhöhe] ist es ziemlich schön. Ich möchte Dir schnell einmal den Tag beschreiben.
Morgens um 7 Uhr müssen wir aufstehen. Wir waschen uns nicht, sondern in Turnzeug müssen wir hier antreten. Wir machen einen Waldlauf und einige übungen, dann müssen wir uns waschen und die Betten auslegen, dann trinken wir Kaffee.
Nach dem Kaffee müssen wir unsere Betten machen. Dann toben wir, spielen Völkerball, Mikado und so weiter. Um 2 Uhr wird Mittag gegessen. Nach dem Essen dürfen wir machen, was wir wollen. Um 5 gibt es Kaffe, d.h. Marmeladen-Butterbrot und Kaffee oder Orangade. Um 8 gibt es Abendrot und um 9 Uhr müssen wir ins Bett. Wir sind hier 70-80 Kinder... .
Viele 1000... Küsse und Grüsse, Deine an Dich stets denkende Ruth.

P.S. Heute waren wir beim Baden, es war enorm. Zuerst sind wir Watt gelaufen. Aber ich mag hier nicht gerne sein. [2 Reihen sind von der Zensur übermalt] Es schlafen 2 Jungens bei uns im Zimmer, einer weil er ungezogen war, da musste er eine ganze Woche bei uns schlafen. Und einer für die ganze Ferienzeit.
Also nochmals viele 10000... Grüsse und Küsse. Deine Ruth.

In Wilhelminenhöhe verbrachten die jüngeren Carlebach-Kinder ihre letzten Ferien vor der Deportation.


Wilhelminenhöhe - Fotoalbum, August 1938
Wer kennt und erkennt wen?

Auf zum Küchendienst


Schiurim - Jüdisches Lernen


Ein Ausflug nach Hamburg


Einzelgänger


Unsere Lehrer - die 'Erwachsenen'


Heitere Stunden


Unmögliche Gruppenbilder


Zukünftige Pioniere

Widmung in das Album von Ruth Baer



III. Wilhelminenhöhe - Letzte Spuren
(gemäss: M. Gillis-Carlebach. Das Joseph Carlebach Archiv. Petach-Tiquah - New-York, 1976)

...Nach dem Kriege kehrte nur der Sohn, Rabbi Shlomoh Carlebach, von verschiedenen Konzentrationslager zurück und kam nach vielen Wanderungen auch wieder nach Hamburg. Die frühere Mietswohnung von Oberrabbiner Dr. Joseph Carlebach, Hallerstrasse 76, war von fremden Leuten besetzt...
Eines Tages wurde Rabbi Schlomoh gebeten, nach Wilhelminenhöhe in Blankenese zu kommen, um gefundene Gebetsbücher nach ihrer Brauchbarkeit auszusortieren. Bei der Durchsicht entdeckte einer seiner Helfer zwei Briefe, unterschrieben von Rabbiner Dr. Joseph Carlebach. Bei weiterer Suche fand Rabbi Schlomoh eine grosse Kiste mit Material, das Rabbiner Dr. Joseph Carlebach gehört hatte. Die Untersuchung ergab, dass dieses Material aus dem ehemaligen Joseph Carlebach-Archiv stammte. Es enthielt Materialien über die Talmud Tora Realschule in Hamburg, rabbinische Korrespondenz, unveröffentliche Manuskripte und vieles andere mehr. Bei seiner späteren Ausreise nahm Rabbi Shlomoh das gesamte gefundene Material mit nach Amerika...

Zum Schluss sei noch zu erwähnen, dass sich in dem Archiv auch ein kleines Couvert befand mit Briefen meiner Mutter, Lotte Carlebach, geb. Preuss an meinen Vater, Rabbiner Dr. Joseph Carlebach, sowie Kinderbriefe und Kinderzeichnungen meiner Geschwister aus den Jahren 1923-1935 (evt. eine Zeichnung). Diese Briefe sind persönlichen Inhalts. Sie weisen auf die grossen Anforderungen hin, die an Lotte Carlebach gestellt wurden und auf die wichtigen Aufgaben, die sie auch später in den Schrecknensjahren als Rabbinerfrau und als Mutter von neun Kindern erfüllt hat.

So hat Wilhelminenhöhe für uns die Erinnerungen an unser einstiges Zuhause gehütet.



Zur Geschichte einer ausgelöschten Familie



I. Familie Lichtheim

Margarethe Lichtheim, geb. Monasch,
mit ihren Söhnen Walter und Lutz

Blick in die Palmaille

Eigentlich kannten wir sie als 'der Walterle und der Lutzele', wie die liebende Mutter, Margarethe Lichtheim, geb. Monasch ihre Kinder rief. Sie wohnten nicht unweit von den Carlebachs in der schönen Palmaille in Altona, wo wir sie des Öfteren trafen; und die Mütter beider Familien waren befreundet. Der Vater, Georg Simon Lichtheim, war der Direktor der Gas- und Wasserwerke in Altona und sein Name wurde in der ganzen Umgebung mit grossem Respekt erwähnt. Im Jahre 1933 jedoch, wurde er wegen 'jüdischer Verschmutzung' der Wasserwerke abgesetzt und starb wenige Jahre später, in der Gegenwart seines Sohnes Walter. Und so beschrieb es der Standesbeamte:
'Der Herr Georg Israel Lichtheim, Direktor der Gas- und Wasserwerke ausser Dienst, mosaisch..., ist am 5. September 1939 um 4.30 Uhr in seiner Wohnung verstorben... eingetragen auf mündliche Anzeige des Sohnes Walter Israel Lichtheim... Der Anzeigende wies sich durch Kennkarte aus. Er erklärte, dass er bei dem Ableben seines Vaters zugegen war. Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben: Walter Israel Lichtheim'.
Walter, noch nicht 18jährig, war also der Zeuge der tragischen Stunde und unterschrieb in seiner schönen, fast malerischen Handschrift seinen Namen mit dem erzwungenen Zusatz Israel, bestätigt durch die zwangspflichtige Kennkarte für Juden.

Sterbeurkunde und Grabstein
von Georg Simon Lichtheim [1939]


II. Unsere Kinderfreundschaft - 'der Waltere und der Lutzele'

...der Waltere und der Lutzele. Zwei Brüder - zwei Wege

Die beiden Jungens, Walter und Lutz, gehörten zu unseren Kinderfreundschaften und besuchten - wie wir Carlebach Kinder - zuerst die Altonaer Israelitische Gemeindeschule, vielleicht weil sie ganz in der Nähe, auf derselben Strassenseite lag. Doch auch nach ihrem Übergang zum Christianeum-Gymnasium blieben sie weiterhin mit der jüdischen Schule verbunden.Vor allen Dingen wirkten beide bei den Schulfeiern in der Israelitischen Gemeindeschule mit: der schwarzhaarige Walter mit seiner Geige und der blonde, blauäugige Ludwig, genannt Lutz, war der Flötenspieler.
Noch im Jahre 1935 beteiligten sich beide Lichtheim Jungens an einer Schulfeier zum Chanuka-Fest, in der Rolle von 'zwei Brüdern' in der von Lehrer Philipp Moddel verfassten Aufführung 'Moriah'. Der Berg Moriah galt einerseits als 'Gipfel der Pracht' und andererseits als 'schlichtes Denkmal des Leids'...

Auch bei anderen Kinderaufführungen, die bei diesen Festakten den Eltern und der gesamten Schülerschaft vorgeführt wurden, hatte Walter mitgewirkt. Er war der Geigenspieler auf der Suche nach 'Marie auf der Wiese'. Eine wunderschöne Kulisse mit Blumen diente als Wiese. Die zarte, vierjährige Noemi Carlebach wurde von der Mutter, Frau Rabbiner Lotte Carlebach, zur Schulfeier 'ausgeliehen' - eben als 'Marie auf der Wiese', in einem grünen, blumen-verzierten Kleidchen. Walter begleitete den kleinen Kinderchor, zu Anfang bei dem traurig-verlorenen Teil ganz leise, und dann jubelte seine Geige zum Finale: 'Ich hab sie gefunden, gefunden im Gras...'

Die andere Aufführung gehört zur biblischen Geschichte. In einem sogenannten Schattenspiel war Walter - damals etwa dreizehn Jahre alt - der Joseph, und ich, drei Jahre jünger und klein von Gestalt - war der kleine Bruder Benjamin; ich spielte meine Rolle hinter dem Laken ganz richtig, bis Joseph, also Walterle, ausrief: 'Komm an mein Herz, mein Benjamin...' Da fiel ich vor lauter Schreck zwischen die Bühne und das Schatten-Laken. In wiefern sind diese Miniatur-Szenen und Erinnerungen überhaupt geschichtlich und wertvoll?

Sie beschreiben den jähen Übergang von der Un-Schuld, der kindlichen Naivität und jugendlichen Kreativität, die ohne das leiseste Vergehen der jüdischen Kinder, der Schule und Gemeinde - in eine jähe, abrupte, ausgetüffelte Grausamkeit umschlug:
Die damals vierjährige Noemi, als Mariechen auf der Wiese, wurde zehn Jahre später, zusammen mit ihren Eltern und zwei nah-altrigen Schwestern im März 1942 in einem Wald bei Riga ermordet...
Der damals im Bar-Mitzwa Alter stehende Walter wurde zehn Jahre später mit seiner Mutter, Frau Margarethe Lichtheim, und seiner Tante, Frau Gertrud Monasch, im Mai 1942 im Todeslager Chelmo ermordet.
Da liegt der Zusammenhang...
Marie auf der Wiese
Johannes Trojan (1837-1915)
Melodie - Carl Hess

Marie auf der Wiese,
Auf der Wiese Marie,
Alle Gräser und Blumen
Sind grösser als sie.

Mir wird schon ganz bang,
Weil ich nirgends sie seh',
Ich hab sie verloren,
Verloren im Klee,

Zwischen Sternblumen weiß
Und den Glocken so blau
Und den gold'nen Ranunkeln,
Ei was ich da schau!

Das ist keine Sternblum',
Ein Köpfchen ist das,
Ich hab sie gefunden,
Gefunden im Gras.


III. Zwei Brüder - zwei Wege

Lutz und Walter Lichtheim

Walter Lichtheim

Lutz Lichtheim

Staatliches Christianeum zu Altona
für Walter und Ludwig Lichtheim


Eigentlich hätte Walter sich retten können, als er einen sogenannten 'Kindertransport' nach England begleitete. Aber er nahm ein Retourbillet, denn falls nicht - so wurde ihm angedroht - würde seine Mutter in ein Konzentrationslager verschleppt werden. So kehrte der pflichtbewusste, liebende Sohn aus England nach Hamburg zurück.

Auch Lutz kam nach England mit diesem Kindertransport, jedoch nicht als Begleiter, sondern als 'Kind', noch gerade vor seinem 17. Geburtstag am 21. Dezember 1938, denn 'erwachsener Kinder' wurden in den Kindertransporten nicht aufgenommen. Der hellhaarige Lutz, wie gesagt schon beinahe erwachsen, mit der deutschen Staatsangehörigkeit und deutschem Sprachakzent, fiel in England unter die Kategorie 'feindlicher Ausländer' und sogar 'verdächtiger deutscher Spione' und wurde mit Hunderten aus Deutschland entkommenen Flüchtlingen nach Australien interniert.

(Stolpersteine in Hamburg-Altona. Biographische Spurensuche. Hamburg, 2008, S. 33)

Antrag auf Freigabe...
9.5.1940


Vom Internierungs-Lager Victoria in Australien schrieb Lutz noch eine Glückwunschkarte an seine Mutter zu ihrem Geburtstag, die aber ihre Bestimmung nicht mehr erreichen sollte.
15. November 1941
Liebste Mutti!
Ich hoffe, dass diese Karte Dich zum Geburtstag erreicht. Was ich Dir und Euch allen wünsche, brauche ich wohl nicht zu sagen. Nimm vor allem meine herzlichen Wünsche für Euer aller Gesundheit (wie ich es vom Photo ersah). Gebt die Hoffnung nicht auf, dass wir uns in Freude wiedersehen werden, die es auch ist, die mir alles leicht macht. Gesundheitlich geht es mir besser als je zuvor. Ballsport, Geräteturnen usw. wird betrieben.
Mit meinen Sachen komme ich auch voll aus. Was ich brauchte, habe ich mir schnell verdient, im Augenblick als Koch sogar. Um da was kommt, mache ich mir in sofern keine Sorgen, als man weniger selbst dazu tun kann, aber man wird sehen, und Geduld habe ich auch.
Ich freue mich, dass Ihr um mich unbesorgt seid, Onkel Hans wird mir von Euch wohl öfters erzählen. So geht es auch schneller. Von Thiess & Bruder, allen anderen und den Verwandten hier höre ich oft Walters Violin-Sonaten. Gestern wurde Leonoren 3 und die 9. übertragen. Eure Briefe, auch über Jolos, treffen ein, manchmal früher, manchmal später. Wenn mal keine sind, weiss ich auch, Ihr seid wohlauf.
Zum Schluss nochmals meine herzlichsten Glückwünsche für Dich und Grüsse an alle Bekannten und Freunde in steter Liebe.
Euer Sohn, Bruder und Neffe Lutz.
(Jolo ist ein Deckname für Joseph und Lotte Carlebach)

Adressenseite der Postkarte:
Stempel: Kriegsgefangenenpost
Handschriftlich: Geschrieben in deutscher Sprache.
Ein Zensurvermerk, der Poststempel von Altona, 16.9.42
Handschriftlich: Empfänger ins Ausland verzogen
Retour. Abgereist ohne Angabe der Adresse...


IV. Das zweite Leben vom Lutz Lichthem
Lutz entwickelte für sich ein Doppelt-Leben. Er verenglischte seinen deutschen Namen Ludwig Lichtheim; und aus Pietät und zur Erinnerung legte er sich auch den jüdischen Namen seines Vaters bei und so hiess er jetzt offiziell: Louis Simon Layton.

Von 1941-1946 volontierte er im Australischen Militär. Er wollte im Andenken seiner Eltern und seines Bruders ein ehrwürdiges Leben führen, so wie er es zu Hause gesehen hatte: redliches arbeitsreiches Leben und Lernen. So holte er sein Abitur nach, schrieb sich dann an der Universität ein und schaffte es, sein Bachelor Degree im Fach Civil Engineering zu erreichen.

Das Andenken an seinen Vater war ihm die Richtschnur für sein Studium: Sein Vater hatte doch soviel für Wasser und Umwelt geleistet, sein Vater, dem vorgeworfen wurde, als Jude mit seinen Kindern das Wasser verpestet zu haben... Nach Jahren erhielt nun sein Sohn 'the Certificate of Engineer Water Supply (VIC)'.

Lutz widmete sich ebenfalls dem Umweltschutz; seine Bemühungen führten endlich auch zur Gründung einer Gesellschaft für reine Luft in Australien, 'The International Union for Clean Air'. Unermüdlich war auch sein Einsatz für die 'Wasserfürsorge': Schutz für Wasserqualität und Untergrundwasser, unentbehrlich für zukünftige Wasserversorgung. Für seinen aussergewöhnlichen Einsatz auf diesem Gebiet und weiteren Umweltsprogrammen, war er der Erste, der für diese Tätigkeit eine Medaille der Auszeichnung erhielt. Das geschah im Jahre 1975, als der ehemalige Ludwig Lichtheim, nun Louis Simon Layton - jetzt in seinen fünziger Jahren - mit dieser Medaille ausgezeichnet wurde.

Doch nach diesem Höhepunkt und mit zunehmendem Alter kamen die Erinnerungen an die Schreckensereignisse zurück. Mit bleierner Schwere lastete auf ihm die Erinnerung an seinen Bruder; Walter war ja sein Kindertransport-Begleiter, der ihn, Lutz, in Sicherheit brachte; doch Walter selber, der die Mutter nicht im Stich lassen wollte, kehrte zu ihr nach Deutschland zurück, in die 'Hölle' des Drachen.
Dass diese hoch stehenden, für Lutz so bedeutungsvollen Menschen auf so unmenschliche Weise gefoltert und ermordet wurden - diese Gedanken trübten und verdunkelten seine letzten bedrückenden Lebensjahre. Mit seinem einsamen Tod endete die Geschichte einer einzelnen Familie aus Deutschland: rechtschaffen, intelligent, kultiviert, begabt und wertvoll.

Ludwig Lichtheim (Louis Simon Layton)

Clean Air Society, the Medal awarded 1975


Ein Nachwort für einen ehrenvollen Mann

Werner Flocken erlebte als Kind, Schüler und Nachbarsjunge das Geschehen in der Palmaille 25, ein Stockwerk höher. Die antwortslosen Fragen, die er an seine Eltern richtete, verliefen ins Leere, aber liessen ihn nicht zur Ruhe kommen.
So begab er sich auf die Spurensuche, die von Altona bis Amerika reichte, bis er einen Schicksalsgenossen von Lutz-Louis fand und mit seinen nun nachgezeichneten Spuren, recherchierten Dokumenten und aufgezeichneten Interviews das Schicksal von Familie Lichtheim - wiewohl unveränderlich - wenigstens deutliche Konturen erhielt.

Der endgültige Untergang der Familie Lichtheim ist besiegelt; sie ist ausgelöscht.

Aber der Fleiss und die Hingabe von Werner Flocken ermöglichen, die Spuren der Erinnerung zu ehren, Stolpersteine zu legen und ein Jahrzeitlicht anzuzünden. Das Andenken an Alle möge uns zum Segen werden...

Louis Simon Layton in Altona, 1965

Stolpersteine aus der Palmaille
erster links: Werner Flocken


Lotte Carlebach-Preuss - ein Streiflicht, das in Berlin begann...
Berlin 1900 - 1942 bei Riga

Wer war Lotte Carlebach? Genauer: Elischeva Chana Charlotte, geb. Preuss,
Berlin, 16. Dezember 1900 bis 26. März 1942 im Bickerniki Wald bei Riga.
Lotte Carlebach, die Mutter - steht bis heute für all die Mütter, deren Schicksal im Holocaust nirgendswo geschrieben steht.
Aus einem Brief von Lotte Carlebach an ihre Freundin Carry Möller , April 1939:
'...bis vielleicht doch eine glückhafte Stunde des Wiedersehens schlägt...'
Es sei jedoch gleich vorausgeschickt. Diese Stunde ist nie gekommen und wird auch niemals mehr kommen. Aber Lotte Carlebach, die so gedacht und geschrieben hatte in ihrer Sehnsucht und mit ihrer Tatkraft, mit ihrem Humor und in ihrer Hoffnung bis zu ihren letzten Tränen am 26. März 1942 - sie wird jetzt zurückgerufen und wird in Bildern und Briefen zu uns sprechen.
Aus der Deutschen Israelitischen Zeitung 'Die Laubhütte', 1934:

'Was auf der grossen Bühne der Geschichte ... geschieht, das sind ... nicht die eigentlichen Quellen des Lebens, die wirklichen Schöpfer der grossen Lebensströmungen. Diese liegen tiefer. Diese liegen in dem Geheimnis der Menschenwerdung, im Geheimnis des Familienlebens, und ihre wichtigste Trägerin ist die Mutter.'

Die Familie

Hier ist Oma Preuss mit Opa.

Martha Rachel, geb. Halberstadt, Hamburg 1876-1960 Israel
mit Dr. Julius Preuss, Arzt aus Berlin, 1861-1913

Opas Standart-Werk
Biblisch-Talmudische
Medizin, 1911

Sie waren die Eltern von dieser kleinen Lotte:

Baby Lotte im Steckkissen (Mai 1901).
Und hier ist sie wieder mit dem händewärmenden Muff (1902)
und auf dem Schaukelstuhl (1903)


Von den nun mittlerweile zwei Töchtern,
Lotte und Gretel (Margarete, geb. 1903)
gibt es mit Oma Preuss nur ein gemeinsames Bild

Die beiden Schwestern sind immer zusammen, Lotte und Grete
1904/1905/1906/1907

1909


Von Anbeginn beeindruckte Lotte ihre Umgebung,
warmfühligen Herzens und intelligent:


Sie ist einfach goldig! Lotte geht zur Schule (1911)
Eine leidenschaftliche Leserin

Lotte und die jüngere, charmante Grete haben dem schwer erkrankten Vater viel Hilfe geleistet.
Im Jahre 1913 jedoch waren die drei Geschwister bereits vaterlose Kinder.

Ein Nachruf von Joseph Carlebach.


Die Verlobung und Heirat

Dr. Joseph Carlebach war damals Oberlehrer für Mathematik und Kunstgeschichte im Berliner Margarethen-Lyceum; und er bat um Erlaubnis, im Zeichenunterricht als Schüler teilzunehmen und einen Platz auf der Schulbank zu bekommen - neben der jetzt 'schon' 15 jährigen Lotte. Warum wohl?
Eine langjährige Freundschaft verband das Preussische Arzthaus und Carlebachs Elternhaus in Lübeck. Dr. Joseph Carlebach schrieb 1911 eine Rezension über das Buch 'Biblisch-Talmudische Medizin', das Julius Preuss in unermüdlicher Forschungsarbeit noch auf seinem Krankenlager fertig gestellt hatte; und nach dem Hinscheiden von Opa Preuss im Jahre 1913 schrieb er einen ergreifenden Nachruf auf ihn.
Die Witwe Martha Preuss eröffnete in ihrer Berliner Wohnung (Linienstrasse 119) eine Pension für religiöse Studenten der dortigen Universität und des Berliner Rabbinerseminars. Es bildete sich in dem Haus ein wöchentlicher Lernkreis, der auch zur Erinnerung an Julius Preuss hoch in Ehren gehalten wurde. In diesem Rahmen war Joseph Carlebach zwar kein Pensionär, aber häufiger Besucher im Haus und bevorzugter Erzähler über seinen Lehraufenthalt in Jerusalem oder auch Vorleser von klassischen Dramen - bis er nach Ausbruch des Krieges (Erster Weltkrieg) sich freiwillig zum Militär meldete, und in Kowno stationiert wurde.
Nach einer langen Unterbrechung, bei einem seiner sporadischen Urlaubsbesuche in Berlin 1917 stand er Lotte gegenüber, nachdem er sie monatelang nicht gesehen hatte. Sie, ein junges, eben siebzehnjähriges bildschönes Mädchen, und er ein fast doppelt so alter, bärtiger Hauptmann in Uniform...

Der Heiratsantrag

...und wie es damals so schön hiess: 'Er hielt um ihre Hand an'. Jedoch einem Bibelspruch entsprechend wurde sie selbst gefragt: 'Willst Du mit diesem Mann gehen?' und sie antwortete - nach 12stündiger Bedenkzeit - 'Ja, ich will' (Genesis 24, 57-58).


Die Verlobung

Die so junge Lotte war bei ihrer Verlobungsfeier doch ein wenig verloren zwischen den um vieles älteren, verheirateten und überschwänglichen Schwestern und Gebrüder der sprudelnden zahlreichen Carlebach-Familie. Und als dann die alte Standuhr dazu noch Zehn geschlagen hatte, sagte selbst der Vormund zu ihr: 'Lotte, du musst ins Bett...'


Lottes Brauttaschentuch

Alle verheirateten Carlebachs

Verheiratet

Lotte, die jetzt ihrem Offizier-Gemahl als Frau Direktorin Carlebach im Winter 1919 nach Litauen folgte, war wie ein Backfisch - gleichaltrig mit den Schülerinnen der Oberklassen im Carlebach-Gymnasium, worüber deren Mütter manchesmal die Nase rümpften. Und zur ersten Lehrer-Konferenz in ihrer kleinen Kownoer Wohnung fragte Lotte: Wie macht man bloss Frikadellen für 20 Lehrer mit einer Kriegsration von 200 Gramm Hackfleisch?


Die erste Schwangerschaft

Lottes bärtiger Gemahl in voller Offizier-Uniform im Berliner Kaufhaus (Hirschfeld oder Tietz): 'Ich brauche ein Umstandskleid für einen Backfisch...'. Was die Verkäuferin sich wohl dabei gedacht hat?

Joseph Carlebach in Kriegs-Uniform
1918


Das jung verheiratete Ehepaar

Und falls das erste Baby ein Junge ist...
Eine schriftliche Beratung mit dem verständnisvollen Schwager, Rabbiner Dr. Ephraim Carlebach aus Leipzig.

Lottes Brief, Handschrift, 1919:
Wie verhält man sich dann bei der Beschneidungsfeier?
Wer bekommt die Würde des Gevatters und wer wird das Baby mit den Segenssprüchen besingen?

Rabbiner Dr. Ephraim Carlebach
(Lübeck 1879 - 1936 Tel-Aviv)


Die Kinder

Lotte mit ihrem ersten Töchterchen, Eva

Vier Generationen (von links nach rechts):
Oma Preuss - 46 Jahre alt; auf dem Schoss: Esther - ein halbes Jahr alt und Eva - einundhalb Jahre alt; Lotte - 21 Jahr alt; Urgrossmutti Mathilde Halberstadt (Mutter von Oma Preuss) - 66 Jahre alt.

Die ersten drei Töchterchen und der ersehnte Sohn auf der Kinderbank (v.l. n.r.: Esther Miriam, Buli, Eva)

Vater und Söhnchen Julius, genannt Buli, 1924


Lotte mit den ersten fünf 'Pfannkuchen':
1. R. v.l.n.r.: Miriam und Esther;
2. R. v.l.n.r.: Judith auf dem Schoss von Lotte, Buli, Eva

Die Hebamme:
Kinder sind wie die Pfannkuchen:
Der erste ist etwas verbrannt (Eva hatte schwarze Haare)
Der zweite ist nicht richtig ausgebacken (Esther war sehr blass)
Der dritte ist zu dünn (Miriam war sehr zart: 'ein Kücken zum Umpusten')
Der vierte ist zu dick (Bulis Geburtsgewicht war 4 kg, 'mit Stiefelgrösse 42')
Erst der fünfte Pfannkuchen ist richtig gelungen: Judith war ein bildschönes Baby...
und dann kam noch mal ein Junge und wieder - wie zu Anfang - drei kleine Töchter. Also Kinder : sieben plus zwei oder- drei Mal drei:
    die drei Grossen,
            das Mittelstück
                und die drei Kleinen.
Die jüngste - neunte, Sara Stella kam am 24. Dezember 1928 zur Welt, und Mutter Lotte inserierte im 'Israelit' für: tüchtige, sehr kinderliebende Stütze eine Stelle anzunehmen in einem Hochbetrieb-rituell-koscheren Rabbinerhaushalt mit neun Kindern...

Zwei Wochen danach übernahm Reichspräsident Hindenburg die Patenschaft für das Rabbinerbaby.


Jo und Lotte mit Kindern und zwei Mädchen:
R. v.l.n.r.: Jo mit Noemi, Erna, Lotte und Emma;
R. v.l.n.r.: Eva, Peter, Judith;
R. v.l.n.r.: Eva, Peter, Judith und Esther,
etwa 1928/29

Die ewig Mädchenfrage
(inszeniert von den 9 Carlebach-Kindern)

Die verkleidete Hausfrau sitzt und erwartet die Kandidatinnen, die sich vorstellen sollen und bereit sind, eine Stelle anzunehmen in einem mit Hochbetrieb-rituell-koscheren Rabbinerhaushalt mit neun Kindern.

Hausfrau: …in sechs Wochen, das sechste Mädchen schon… Horch, da klopf's! Das wird wohl schon die Siebte sein. Gott gebe, dass sie fromm und brav sei... Herein!
Was wünschen Sie?
Mädchen: Dienen.
Hausfrau: Sie dienen?
Mädchen: Sie meinen wohl des schönen Kleides wegen. Am Sonntag geh ich nur in Atlas und trage Handschuh mit 99 Knöpfen dran und mein Schatz führt mich zum Tanz.
Hausfrau: Was, einen Schatz haben Sie auch?
Mädchen: Nicht nur einen, sondern Drei...

Mutter Lotte: 'Lacht mich nicht aus, aber ich möchte noch ein Baby haben, so ein süsses duftendes Geschöpf in den Armen halten'. Aber ihre neun Kinder protestierten: 'So jung bist du auch nicht mehr - in zwölf Jahren 50'.

Zeichnung von der 5jaehrigen Noemi: Alle neun Carlebach-Kinder, 1932


JoLo

Lotte Carlebach-Preuss
die Frau von Oberrabbiner
Dr. Joseph Carlebach
Altona, 1932

Die Mutter mit neun Kindern

Nur hier gab es eine seltene gemeinsame Ruhestunde von JoLo
[Deckname für Joseph und Lotte Carlebach in zensierten Briefen]


Kreativ

Martha Rachel Preuss

Der 60. Geburtstag von Oma Preuss hätte am 16. Februar 1936 stattfinden sollen, aber Oma beschloss, 'plötzlich und auf eigene Faust', ihren seit 1934 in Israel lebenden unverheirateten Sohn zu besuchen.
Zu Ehren dieses Tages, der nun nicht gefeiert wurde, verfasste Lotte Carlebach ein Gedicht. Es spricht nicht nur von der Verehrung und Liebe für ihre Mutter, sondern auch von ihrem Humor, ihren Kenntnissen des Hebräischen und Jüdischen und - fast möchte man sagen, auch des Israelischen. Das Gedicht lässt ihre Sehnsucht zum Heiligen Land durchblicken und spricht wie eine hebräische Melodie von ihrer Liebe zu Zion.
Zu Oma's 60. Geburtstag

Sechzig der Jahr schon warteten wir
Auf Oma's hohen Geburtstag hier.
Wir sagten extra dem Klapperstorch:
Bring uns in die Welt nicht allzuforsch,
Nein langsam peu a peu,
Dass das Fest, das Schöne, nicht verloren uns geh'.
Dass wir fünfe in Leipzig, in Altona neun
Auch bei Omas Geburtstag anwesend seien.
Der Rabbiner-Vater bereitet die Predigt längst vor,
Die Kinder studieren Gesänge im Chor,
Und die Rebbezin, ganz ausser sich, strahlend vor Freud',
Sie kauft sich bei Hirschfeld ein neues Kleid…,
Doch im letzten Momente geht alles schief,
Und Oma ist fern uns in Tel Aviv.
Was ist's bloss, was Oma so fesselt und band
An Jaffas muschligen Meeresstrand?
Ist Omas Liebe wirklich so tief
Zur Allenbystrasse in Tel Aviv?
Doch Oma, Geliebte, wir zürnen Dir nicht,
Wenn uns auch vor Sehnsucht das Herze fast bricht.
Der schönste Geburtstag ist doch wohl
Im Frühlingszauber von Erez Jisroel,
Wo strahlend die Sonne am Himmel zieht,
Die Mandel in schneeweisser Schöne blüht;
Wo jüdisches Leben dem Boden entspriesst,


Schalom, es sei Friede - Dich allerwärts grüsst.
Nein, Oma, geliebte, wir sind schon zufrieden
Dass solch hohes Glück Dir wurde beschieden:
Bei Urmutter Zion, wo Englein weben,
Den Festtag des Sechzigsten froh zu erleben,
Wir winden voll Freude des Wiegenfests Reis
Bei Urmutter Zion der Grossmutter Preuss:
Gott geb Dir Gesundheit und Liebe und Kraft,
Die täglich Lebensfreud' neu Dir schafft,
Er lass in der Ferne das Glück Dich sehn,
Dass statt vierzehn Enkel es sind vierzehn mal zehn.
Und langsam dann, peu a peu
Kommt auch die Enkelschar über die See
Und baut in Stockwerken ein Bet Mischpacha
Wie Tel Aviv noch keines je sah,
Wo Oma Parterre und die Enkel ohn' Zahl
Auf den Kopf Dir trampeln allzumal,
Und kommt dann zum Guten der siebzigste Tag
Die Freude ich mir nicht ausmalen mag,
Dann steigt Enkel- und Kinderschar nieder vereint
Zur Oma, die Tränen der Freude weint,
Sie alle segnet mit erhobener Hand
Für jüdische Zukunft im jüdischen Land.
Dann danken wir alle von Herzen tief
Dem Himmel, dem gnäd'gen, in Tel Aviv.

Lottes plötzlicher Sturz von der Treppe brachte einen gebrochenen Knöchel mit sich; doch im Bett liegend, trotz ihrer Schmerzen, … hatte sie die originellsten Einfälle, wenn es darum ging, der Schwägerin, Tante Mirjam Cohn in Hamburg oder ihrer Mutter, Oma Preuss in Berlin eine persönliche Freude zu machen.
So klebte sie aus Zeitungs-Ausschnitten und alten Fotos Phantasiealben zusammen, die die kleinen Wünsche und die töglichen Miseren in ein humorvolles Licht rückten, (Aussage von dem Sekretör Jumbo) und unterschrieb dann:
'Die Redaktion - unveränderte Mutter - erhöhte Tochterdividende'

Tante Miriam (46 Jahre alt) - Album zur silbernen Hochzeit, 1934

Aus einem Brief vom 23. April 1939 von Lotte Carlebach an Tante Miriam Cohn in Tel-Aviv:
'... es ist wohl nicht anzunehmen, dass wir noch mal gemeinsam über die Alster fahren werden. Aber hoffen wir, trotz und trotz alledem, dass wir in nicht zu ferner Zeit am Ufer des (Mittel)Meeres spazieren werden und vereint sind in alter und immer neuer Innigkeit und Liebe. Eure Lotte'

Miriam Cohn

Vielseitig
Trotz der 9 Kindern lernt Frau Lotte Schreibmaschine in der Handelsschule bei Moses Deutschländer (Anzeige), um ihrem Rabbiner-Gemahl bei seiner Riesenkorrespondenz und seinen literarischen Arbeiten behilflich zu sein: in den Hamburger Adressbüchern der 1920er Jahre ist Moses Deutschlaender als Handelsschulleiter, Grindelalle 53, aufgeführt.

Tante Recha: Wie hat sie alles geschafft?

Lotte hat nicht nur geknipst, getippt und gedichtet.
Wenn sie einer Geburt wegen nicht an offiziellen Feierlichkeiten teilnehmen konnte, entschuldigte sie sich: Lotte Carlebach - amtlich verhindert.
Sie waltete im Rabbiner Haushalt mit ihren neun Kindern und deren ungezählten Spielfreunden, auch als Mittag- und Abendessen-Kameraden, mit den in Not geratenen Bittstellern in diesen Zeiten der Bedrängnis, die Organisation der rabbinerlichen Sprechstunde, mit ständigen Gästen und last but not least - mit so genannten 'Zwischenleistungen'.
Noch mehr junge Kinder in der NS-Zeit

In der Altonaer Palmaille wurden strohblonde, uniformierte Jungen stundenlang gedrillt. Da kam es des Öfteren vor, dass einer der schmächtigeren Kleinen ganz einfach zusammenklappte und ohnmächtig wurde. Diese Kinder der Hitlerjugend wurden dann ohne viel Aufstand in unser Rabbiner-Haus gebracht - Palmaille 57 und auf eines der Kinderbetten gelegt. Frau Rabbiner Lotte Carlebach gab ihnen Tee und legte ihnen feuchte Tücher auf die Stirn, streichelte manchmal über ihr blasses Gesicht und sagte:
Nu Nebbich, zum Erbarmen, es sind doch nur kleine Kinder.

Flüchtlingskinder

'...wir haben wieder ein Kind mehr ...sie heisst Ruth ...von dem Dampfer nach Cuba, der wieder zurückkehrte, sie geht in die Schule...'
Postkarte von Lotte, 8.7.1939

'...Leo ist ja auch noch hier, er sieht ja süss aus, er hat einen braunen Hut, 'ne braune Jacke und eine hellbraune Hose...'

Brief mit Zeichnung von Noemi

'...Nun will ich Dir mal ein bisschen Näheres über das Mädchen Eva schreiben. Ihre Familie ist polnisch, sie auch. Und ihr Vater und ihre Geschwister sind nach Polen abgeholt. Und die Mutter und ein Bruder von ihr sind in Fürth geblieben. Sie war in Bremen und durfte nicht wieder nach Fürth. Da wollte sie nach Berlin… und da durfte sie auch nicht bleiben. Und dann kam sie zu uns und hat sich bei der Polizei gemeldet, und sie durfte bei uns bleiben...'

Brief von Noemi, April 1939

Die Pfundsammlung

Die Carlebachsche Kellerküche diente als Sammelstelle für die so genannte 'Pfundsammlung' zur Unterstützung bedürftiger Familien. Jede Hausfrau spendete nach eigener Wahl jeden Monat Lebensmittel von einem Pfund. Erwünscht sind Erbsen, Bohnen, Linsen ... Haferflocken, Tee, Kakao ... Nudeln, Butter und Pflanzenfett, letztere drei Sorten nur koscher ... und unter den Namen und Adressen der Sammel- und Verteilungsstellen war natürlich auch Frau Rabbiner Lotte Carlebach bekannt gegeben.

Tröstungsmahlzeiten

Je nach Lage machte Lotte Carlebach Krankenbesuche, schickte von ihr gekochte Gerichte ins Haus, von denen besonders Erdbeeren mit Zitronenkrem als Heilmittel wirkten. Kinder kranker Mütter oder aus Familien der jüdischen Gemeinde in der nicht abbrechenden Kette der Krisenzeiten, weilten im Carlebach-Haus als Logiergäste; und wenn es gar nicht anders ging, sandte sie einen Blumenstrauss mit eilig geschriebenen Gruss und Genesungswunsch.


Sorge für arme alleinstehende Bräute

Die Chuppa, also die Trau-Zeremonie (Hochzeit) für arme Bräute fand dann im Carlebach-Haus statt, danach kam die von Lotte Carlebach vorbereitete Bewirtung. Noch zuvor jedoch gab es die beratenden Gespräche von Lotte mit der Braut, mit diskreter Hilfe bei der Beschaffung der Aussteuer ….
In den Schreckensjahren kam es auch vor, dass ein junges Paar Hals über Kopf zur Hochzeit ins Carlebachsche Haus "rannte", um einen Verhafteten aus dem KZ zu befreien oder um eine 'Doppel-Ausreise' auf ein 'Einzelzertifikat' zu ermöglichen.
Es schien jedoch, als wäre Frau Lotte immer 'startbereit' für alle möglichen und unmöglichen Situationen.
Nie hörte man sie lamentieren, obgleich objektiv gesehen es gar nicht so einfach war. Selbst als in letzter Minute ihr fertig gekochtes 'Schabbes-Essen' diskret an eine Not leidende Familie gegeben wurde, brachte sie es fertig 'immer etwas anderes aus dem Boden zu stampfen.'

Tante Recha:
Wir, anfangs skeptische Carlebach-Schwägerinnen zerbrachen uns immer wieder den Kopf: Wie hat sie das geschafft! Neun Kinder, Tür- und Telefongeklingel, Gespräche mit Bittstellern und noch dazu ihre Gastgebigkeit! Wie hat sie das nur fertig gebracht! Und immer alles mit der Ruhe...

Dazu Rabbinerfrau Weiss:
'Lotte Carlebach hatte andere Wertmassstäbe als die meisten von uns. Was ihr wirklich wichtig war? Die menschlichen Werte in konkrete Taten umzusetzen, dafür fand sie die Zeit...'

Lotte mit zwei Schwägerinnen: Bella Rosenack (links) und Recha Carlebach (rechts)


Die Rabbinerfrau

Rabbi Boruch B. Borchardt, Agudat Israel of America, 1932 (engl.):

'Rebbezin Carlebach was active to make the Rabbi's house the Center… even when she had a very hard time, because her husband gave all his salary for charity... but her house remained open day and night and she did an outstanding job... she was such a great woman...'.

Lotte als Rabbinerfrau wirkte nach zwei Seiten hin:
Einerseits beschwichtigte sie die aufgeregten Leute, die in die Rabbiner-Sprechstunde kamen und hörte sich schon einen Teil ihrer Sorgen an. Bis sie an die Reihe kamen, waren sie dann schon etwas beruhigter, nunmehr imstande, die nicht immer einfachen Lösungen zu akzeptieren - für Probleme, die sich angesichts der nicht abbrechenden Kette der Verordnungen gegen die Juden mehr und mehr verwickelten.
Lotte war der 'harmonisierende Engel', der es unserem Rabbiner-Vater ermöglichte, in den düstersten Zeiten seine Toleranz, seinen Humor, seine Weisheit und seine Seelengüte zu erhalten, zu entfalten und auszustrahlen. Sein gehaltvolles Attribut für sie war: 'Priesterin der Seele'.

Die Mutter Lotte Carlebach-Preuss

Fünf ihrer Kinder hatte Lotte nach der Kristallnacht ins Ausland retten können.

Die Sehnsucht nach den Kindern:
'...Ich fühle mich am Ende - man hat keine Spannkraft mehr, das Tagewerk hat keinen Sinn mehr... Und vor allem, das ist die erste Ursache und der letzte Grund aller Seelenmütigkeit: die schreckliche Sehnsucht nach den Kindern!..
Ich habe das Gefühl, wie man nach einer schweren Entbindung hat - als ob langsam und unaufhaltsam alles Blut davon fliesst; jedes Kind das herausgegangen ist, hat im wahrsten Sinne des Wortes ein Stück Herz mitgenommen...'
Und doch fragte sie verzweifelt in Bezug auf die vier Jüngsten: Wie kann ich meine vier jüngsten, geliebten Kinder retten: 'Wo, wo ist ein Weg?'
Sie fragte nach Holland, nach Frankreich, nach dem damaligen Palästina und pochte mit aller Mutterwucht an die für immer verschlossenen Tore ... Und doch lehrte sie gleichzeitig die drei jüngsten Töchter, den noch Unglücklicheren beizustehen, wie die für Juden beschränkten Lebensmitteln mit anderen zu teilen, wie mit ihren jüdischen Kinderfreunden durch Spielen den Hunger zu verdrängen und sie verstand es auch, das Band zwischen dem Rabbinervater und dem Sohn zu festigen und zu vertiefen.

Brief an Cary Möller, 17. Juli 1939

Lotte, die Rabbinerfrau




Lotte und ihre Baby-Fürsorge im KZ Jungfernhof bei Riga 1941/42


Aussage von Fanni:
Rabbi Carlebach und seine Frau Lotte setzten sich für Mütter mit Säuglingen und Kleinkindern ein, dass sie eine bessere Behausung zugeteilt bekamen... das Ehepaar Carlebach war vollauf mit den Unglücklichsten beschäftigt.

Und wenn sie nachts im Konzentrationslager heimlich weinte, galten ihre Tränen dem Rabbiner mit seiner bedrängten Gemeinde; den Kindern und dem Vater der Kinder, ihrem geliebten und verehrten Ehemann, mit dem sie ihr grausames Schicksal, ihr ganzes Leben und und auch die gemeinsame Sehnsucht nach dem Heiligen Land teilte.

'...Nobody could believe what was happening! We all slept in bunks - men, women and children - altogether. Mine was next to your mother. I held her hand trying to comfort her in an attempt to hold back the tears..'

Brief von Ruth Nebel, 7. Juni 1988
Der Stein des Grabes von Oma Preuss auf dem Har Hamenuchot, dem Berg der endlichen Ruhe in Jerusalem, der Stadt des ewigen Friedens, beinhaltet eine einzigartige Gedenkstätte für Lotte, mit den eingemeisselten Worten.



Rabbi Joseph Carlebach - sprechende Bilder und Aussprüche
Streiflichter aus einem bewegten Leben
Lübeck 1883 - 1942 bei Riga

Wer war eigentlich Joseph Carlebach?
Auszüge aus einem Artikel von Oberrichter Chaim Cohn, 1982

'... Er war eine äusserst rare Kombination von Prediger und Professor, Schauspieler und Dichter.
Seine grosse Kraft zu überzeugen und mitzureissen resultierte aus einer Symphonie von tiefem Gottesglauben,
solider Gelehrsamkeit, warmer Menschenliebe, schöpferischem Denken und künstlerischer Darstellungsgabe...
Die beste Medizin, die er gern und verschwenderisch verteilte, war Humor und Heiterkeit.
Er hatte für jedes leidende menschliche Wesen eine unerschöpfliche Geduld...
Er hatte eine offene Hand und ein offenes Herz...
Die Art und Weise in welcher er in den Jahren des Naziregimes sein Amt erfüllt hat, ist direkt zu einer Legende geworden...'


Die Eltern und Kindheit

Joseph (Zwi) Carlebach, geboren am 30. Januar 1883.
Ein planschendes, strampelndes, besonders lebhaftes Baby, der achte zwischen zwölf Kinder.
Ein Tag vor Pessach zerbrach er mit einem Besenstiel alle Matzen, die für die gesamte Gemeinde im Rabbinerhaus gelagert waren.

Der Vater, Rabbiner Dr. Salomon Carlebach (Heidelsheim 1845 - 1919 Lübeck), war vierzig Jahre lang Rabbiner in Lübeck und Grundschullehrer seiner Söhne.
Die Mutter, Esther Carlebach, geb. Adler (Moisling bei Lübeck 1853 - 1920 Lübeck), Haus- und Rabbinerfrau mit zwölf eigenen und zusätzlichen Pensions-Kindern, aktiv im Frauenbund, Schriftstellerin und Dichterin.

Etwa 1891 (das früheste Bild in unserm Besitz), der Strolch Joseph (hintere Reihe, 3. von links)

Ausschnitt aus dem Carlebachschen 12 Kinderbild

Etwa 1897, im Katharineum-Gymnasium.
Der vorlaute Joseph (hintere Reihe, 3. von rechts) wird wiederholt wegen lautem Lachen im Unterricht getadelt und zurechtgewiesen: 'Carlebach, sei nicht so klug...'
Sein Freund, der spätere Anti-Nazi Richter, Ludwig Dübel, ist mit auf dem Klassenbild (1. Reihe, 2. von rechts). Sein tragischer Tod erfolgte 1939 - nach seinem gerechten Gerichts-Urteil für einen Juden.
Aus Carlebachs Beileidsbrief:...'schon früh zeigte sich in ihm sein abgeklärtes, von tiefem Gerechtigkeitssinn erfülltes Wesen...'

Carlebach - der Naturfreund, Forscher und Ausflügler

mit Mitgliedern des Berliner Montfiori-Vereins [1909/10] und des Rabbiner-Seminar [1914]

mit Schülerinnen des Religionsunterricht in Hamburg, 1924

und in Gottes gelobter-geliebter Natur [1935?]


Student, Wissenschaftler, Lehrer

1905-1907
Carlebach - der Mathematiker in Jerusalem. Wie sagt man auf Hebräisch, musikalisch und poetisch: a2+b2? Da muss ich meine Schueler fragen! Der Lehrer Carlebach ist der Spassvogel, ausgelassen zusammen mit seinen Schülern.


1908-1910
Carlebach - der Student in Berlin, Leipzig und Heidelberg. Seine Studienfaecher: Mathematik, Physik, Philosophie und Kunstgeschichte.
Hier ist seine viel besprochene Doktorarbeit, 1910;
und - einer der ersten Artikel über Einsteins Relativitäts-Theorie, 1912.

Beim Militär

1917
Der pazifistische Offizier im Osten, als Vermittler deutscher Kultur verwandelt vom Anti- zum Zionist.

1914
Carlebach - der freiwillige Soldat, als Telegrafist klettert über die Kasernendächer, um seine Schwiegertante, eine 'betörende Sängerin' zu hören.

Der Schuldirektor



'...meine Schüler sind die Messiasse der Zukunft...' Jeder Schüler trägt in seinem Schulranzen das Zepter des Messias. Tastet meine Schulkinder nicht an!


1921-1925/6
Carlebach - der Schuldirektor.
Der Reform-Pädagoge der Talmud-Tora Realschule in Hamburg.


Die Reisen nach Osteuropa [1931] und Jerusalem[1935]

August 1931
'Zur Erinnerung an den Tag meiner Herzensfreude bei dem Rabbi Haim Ozer'


Carlebach als Schiffsreisender nach Jerusalem

mit Otto Warburg (Mitte) und Dr. Schlossberg (links)

mit sefardischen Weisen
Rabbi Moshe Elyakim

überall umringt und umjubelt:
als fesselnder Redner für sämtliche Passagiere


beim begeisterten Empfang in Jaffa

und als echter Kibbuznik


Oberrabbiner Dr. Joseph Carlebach - der Synagogen-Rabbiner
1926 (1929?) Nein, Allen zum Trotz - ich nehme Berlin nicht an!

Die kleinere Eingangtür für Frauen.
Die grosse Doppeltür - der für Männer


Die Altonaer Synagoge in der Papagoyenstrasse
Ein feierlicher Umzug mit der Torarolle zum 250. Jubiläumsjahr , 1934

1942 - Die Synagoge wird ein Lager für ausländische Zwangsarbeiter, 1943 - bombardiert...

Die Hamburger Bornplatz-Synagoge
1906 - erbaut und eingeweiht

Hier ein Blick nach Innen, und von der Seite, ein verborgener Eingang zur Synagoge -
zum Gebet für die täglichen Zufrühaufsteher.

Ehrengäste zur Amtseinführung von Oberrabbiner Joseph Carlebach
und seine Antrittsrede, April 1936

1938 September - frisch angemalt
zu den Hohen Feiertagen.
1938 November - angezündet und
schwer demoliert.
1939 März - endgültig abgerissen.


Die neue Dammtor Synagoge - Beneckestrasse 4

Februar 1939 - Rabbi Carlebachs dortige erste feierliche Predigt

1895 eingeweiht,
November 1938 - schwer demoliert,
Januar 1939 - als einzige Synagoge in Deutschland renoviert.
1943 - bombardiert.

Die Heinrich Barthstrasse Synagoge

1885 - in einer Doppelwohnung eingerichtet.
November 1938 - in der Kristallnacht übersehen.
März 1939 - Rabbi Carlebach initiiert den Transport der Synagogen-Einrichtung nach Schweden.
Im Hamburger Hafen werden die Synagogen-Möbel zerbrochen.
In Schweden jedoch wieder hergestellt.
1942 - in Stockholm wird die umbenannte Heinrich-Barth - als die neue Jeschurun-Synagoge eingeweiht

Carlebach - der Vater

1919
Mit Töchterchen Eva, mein Sonnenstrahl, mein Schmetterlingsfluegel.

1924
Vater und Söhnchen Julius, der endlich nach drei Töchtern erschien.

1935[?]
Mit Frau und zwei Hausgehilfinnen - aber ein Kind fehlt immer.

Wie werde ich bloss mit der kleinen Schar fertig?

1938
Vater und Sohn Schlomo schon in ernster Zeit.


In der Familie und in der Gemeinde

1936
Bar-Mizwa Feier von Buli (Julius), noch in traditionellen Tracht

1938
aber Schlomo - sportlich, schon ganz modern

1940 (1941?)
der allerletzte Purim-Spass


1939
Orthodox und Liberal - ganz egal,
Hauptsache - die gemeinsame Chanuka-Feier

1934
der fromme Rabbiner im Curiohaus

1935
'wortgewaltig' - bei seinem mitreissenden Bibel-Vortrag




Besuch bei dem vertrauten Hausarzt Dr. Henri Hirsch und seiner Frau [1935], und vor deren Flucht [1938]

Der alltägliche Carlebach ['heimlich' von Lotte aufgenommen]

Das berühmte Bild vom Fotograf Joseph Kastein, 1936

Im Lehnsessel, hier nächtlich - am Schreibtisch.
1938 - im Studierzimmer am Bücherschrank -
nur die jüdischen Bücher durfte er behalten.

Im Garten und auf dem Balkon

Joseph Carlebach - einfach, so wie er war...


Carlebach - der Knipser
Nicht mit Pfeil und Bogen, aber immer mit Zigarre, Fotoapparat und Schreibpapier

1938-39, Carlebach der Gefängnis-Geistliche
Immer mit einer Havanna Zigarre und einem 'Wurschtbrot' für den Gefängnis-Aufseher - damit er die Zellen der jüdischen Gefangenen aufschliesst...

Carlebachsche Sprach-Schnitzer:
- Was haben Sie denn gemeint, wen ich gemeint habe?
- Ich kann zwar nicht mit meiner Frau in Baden-Baden baden, doch kann ich sie dafür einmal in einen Schokoladenladen laden.
- Wer hat Recht - ich, und wer hat Schuld - meine Frau.
- Da sitzt der Vater.
- Heissen Sie Meier? Dann geht die Sache Sie gar nichts an.

Carlebach: Also, Sie versprechen jeden Schabbat in die Synagoge zu kommen?
H.: Ja, ich versprach es - hatte es aber nicht gehalten, bis ich plötzlich den Rabbiner auf der Strasse traf.
Carlebach: Ach wie ich mich freue; denn immer wenn ich Sie treffe, denke ich an den lieben Gott!
H.: Aber Herr Rabbiner, wieso denn?
Carlebach: Den sieht man ja auch nicht...

Einblick in die Tragödie

1941 veranstaltet Joseph Carlebach eine Chanuka-Feier im Männerblock mit sogar noch 'Bar-Mizwa Feiern' mit den Kindern im KZ.
Dazu gibt es keine Bilder...

Es gibt kein Grab und keinen Grabstein, nur fünf Steinchen aus dem Wald bei Riga, gestaltet für:

    Joseph Carlebach
    Lotte Carlebach
    die drei kleinen Töchter:
    Ruth
    Noemi
    Sara
    März 1942

Und seit 2004 liegen fünf Stolpersteine vor der Hamburger Wohnung Hallerstrasse 76

Zwei Kollagen der jüdischen Geschichts-Tragödie im Dritten Reich



Einstmals Altona - mit jüdischen Kinderaugen gesehen
Fotoalbum

Ich bin in Altona - zwischen Vertrautheit und Fremdsein, zwischen naivem Unbekümmertsein und misstrauischen Verdacht,
zwischen sanften Träumen und jähem Erwachen, zwischen damals und danach - zwischen damals und heute...


Altona um 1933 und heute


Ich erinnere mich an das Aussehen der Plätze:

Das Altonaer Museum
wo die vielen ausgestellten Boote und die Seemannskleidung an das Märchen 'Der Fischer und seine Frau'
erinnerten, der lächerliche Fischer, der immer wieder sagte: 'Meine Frau die Isebill, will nicht so wie ich wohl will',
und wo es auch ohne Teer immer nach Teer roch.


Der Donners Park
mit dem geheimnisvollen Schloss, mit dem Rasen und den Bäumen in allen Schattierungen des Grün.


Die Klopstockstrasse
mit der kleinen Christianskirche und hinter dem gepflegten Kirchhof ein grosser,
vernachlässigt aussehender unbebauter Platz.

Der Stuhlmannbrunnen
mit den wasserspeienden Gestalten, dem
riesengrossen grünen Fisch und dem Hufeisen-
beschlagenen, sich aufbäumenden Pferd.


In der Königstrasse

Die Haltestelle der Strassenbahn Nummer 27
in der Königstrasse, nicht weit von dem sagenumwobenen jüdischen Friedhof, in dessen Mitte ein glatter, in drei Teile gespaltener Baumstamm dem hebräischen dreigliederigen Buchstaben 'Schin' gleicht, der den mächtigen Gottesnamen 'Schadai' symbolisiert. Hier schlummern die mir persönlich unbekannten, und doch aus Erzählungen so vertrauten Gestalten der beiden grossen Rabbinern, Rabbi Jacob Emden und Rabbi Jonathan Eibeschütz. Trotz ihrer lebenslangen Fehde ruhen sie nun seit mehr als zwei Jahrhunderten friedlich, ganz nahe einer neben dem anderen, denn ihr Streit, so wurde mir damals erklärt, galt nicht etwa irdischen Gütern, er ward um des Himmels Ehre ausgefochten. Mein Herz war jedoch von jeher bei der Rabbinerfrau Eibeschütz, weil sie heimlich einem sabbatianischen Bettler Almosen zusteckte.

Noch vor wenigen Jahren begegnete ich an den hohen Grabsteinen hin und wieder dem einen oder anderen Nachkommen der beiden Rabbinern, der eigens aus Belgien oder von woanders her jährlich zum Friedhof kam, um auf den Gräbern seiner Urväter ein 'Jahrzeitlicht' zu entzünden und zu beten. Letztens jedoch wurden die Besucher gewarnt, da sich zwiespältige Gestalten in dem jüdischen Friedhof eingenistet haben sollen...



Ich erinnere mich an weitere Namen der Strassen und Lokale:

Der Altonaer Hauptbahnhof
Da konnte man für 5 Pfennige knusprige gebrannte Mandeln kaufen, und der Schaffner mit der rot-abgepaspelten Mütze rief: Altonaer Hauptbahnhof, alle aussteigen! Und von da aus war es ganz nah nach Hause, nicht wie in dem so quälend- traurigen Lied: 'Wenn ich den Wandrer frage...'


Der Kaiserhof
in dessen Festsaal der Don Kosaken-Chor in tiefen Bassstimmen auftrat und die akrobatischen Schwerttänzer in sich steigerndem Rhythmus anfeuerte.


Die Bismarkhalle mit dem zweiteiligen Schwimmbecken
ein Teil abgrundtief für flotte Rettungsschwimmer und das andere mit niedrigem Wasserspiegel für Anfänger und Angsthasen wie mich; die Becken waren mit türkisblauem, klarem Wasser gefüllt, so durchsichtig, dass man die kleinen weissen Kacheln an den Wände abzählen konnte.





Die Adolphstrasse
mit der Adolph-Klaus; die Klaus war eine kleine, prunklose Synagoge, in der inbrünstig, halblaut murmelnd gebetet und freudig laut gesungen wurde; es war ein betendes, tösendes Stimmen-Gewirr, nach ostjüdischem Brauch. An einem Simchat Tora, dem Freudenfest der heiligen Lehre, als alles sang und tanzte, hatte der Vorhang des Toraschreines von einer Kerze, die in einem süssen Apfel auf der Kinder-Fahne steckte, Feuer gefangen. Im Nu verbreiteten sich die Flammen und sie verbrannten die Freude, den Gesang und das Gebet. Die verbrannte Feier - ein brennendes schweres Vorzeichen des Kommenden.


Die Wohlersallee
In Nummer 58 befand sich der fromme jüdische Kindergarten; dort sangen wir das kleine Morgengebet des Dankes dafür, dass Gott uns nach dem langen Schlaf unsere Seele zurückgegeben hat und dass Moses uns und ganz Israel die Tora gab. Und dann spielten wir im Kreis 'Ringel-Rangel Rosen'; dabei reichten sich alle Kinder die Hände und purzelten, vergnügt kreischend, zusammen auf den Fussboden.


Kaffee Kronprinz
mit dem gedämpften Licht und den kleinen
runden Tischen.

Die Grünestrasse
in der wir sangen: '...darum lieb ich alles was
so grün ist, weil man Schatz ein Schupo ist'.

Es gab die Grosse und die Kleine Bergstrasse, die Behnstrasse und zwei Strassen, deren Namen mit Freiheit verbunden waren und die ellenlange
Elbchaussee der vornehmen Leute.


Palmaille, 1932

Aber wo ist Nummer 17? Weisst Du, dass ich meiner Lehrerin in der ersten Klasse sagte, dass P mein Lieblinsbuchstabe ist? P ist nämlich der Anfang von Palmaille und Papagoyenstrasse, wo die Schule, die 'Schul' (Synagoge) und mein Zuhause waren. Damals lächelte meine Lehrerin ein lobendes, ermunterndes, leises Lächeln. Ob auch ihr da lächelt? Es ist mir, als wolltet ihr mich drängeln: So gehe doch in die Palmaille, die Palmaille gibt es ja noch! Keine 'Terrorbombe' hat während des Krieges das Schulgebäude getroffen und zerstört. Aber wo ist Nummer 17?

Palmaille 17
Palmaille 17 hatte zwar den Krieg überstanden, aber das hat ihr nichts genützt. Sie wurde in den ersten Nachkriegsjahren abgerissen, wohl das einzige Haus an der Elbseite, das dort nicht mehr steht... Wo ist meine Schule, wo ist der Schulgarten, wo sind die Lehrer, wo die Schüler? Das neue Hochhaus ist doch nicht meine Israelitische Gemeindeschule! Meine Schule hat zu mir gesprochen, sie hat mit uns gemalt und gesungen, sie hat uns Schreiben gelehrt. Aber dieses Gebäude ist keine Schule. Ich umkreise die Asphaltpfade rings um den modernen Betonblock sieben Mal langsam und sorgfältig, wie die Braut den Bräutigam bei einer jüdischen Hochzeit. Es rüht sich nichts. Kein Laut wird hörbar, kein Buchstabe sichtbar. Nichts Geschriebenes. Keine Tafel. Kein Gedenken.

Palmaille 57
Auch das 'braune Haus', Nummer 57 - in der Palmaille blieb unversehrt und es besteht noch bis heute. Merkwürdiger Weise wohnten dort einmal der Rabbiner mit seiner Frau und ihren neun jüdischen Kindern. Es war einmal... bis gegen die Familie ein Prozess angestrengt wurde, den sie natürlich verloren, woraufhin sie dem Rechtsspruch gemäss ihre Wohnung verlassen mussten. Wieviel Altona hatten wir von dort aus erlebt! Das Blücherdenkmal, die Elbe und die Nähe zum Rathaus; die freundlichen und die gehässigen Nachbarn und die Ereignisse in der Strasse, der Palmaille. In dieser breiten, schattigen Allee mussten 'Tippel-Tappel' und andere harmlose Kinderspiele vor unseren Augen auf abhärtende Paraden uniformierter kleiner Knaben um- und gleichgeschaltet werden.
Die Palmaille Nr. 57 gehört jetzt einer 'Shipping Company'. Heute ist Sonntag. Die Company und auch die Geschäfte sind geschlossen.




Fischmarkt um 1933

Die Taube vom Fischmarkt
Früher, wenn Sonntags alle Geschäfte geschlossen waren, gab es immer den Altonaer Fischmarkt als Ausweg. Wir sollten dort Schollen oder Makrelen einkaufen, die billig und gleichzeitig koscher sind, denn diese Fische haben Flossen und Schuppen, wie es sich für einen koscheren Fisch geziemt. Die glitschigen Aale dagegen waren sozusagen glatzköpfig und nicht koscher, wie auch die Krebse, die immer gleichzeitig in alle Richtungen schielen und wettrennen konnten. Deshalb machten wir um sie stets einen grossen Bogen. Am Fischmarkt gab es nicht nur Fische, sondern auch Blumen und Gemüse, gerupftes und lebendiges Geflügel und sogar Kanarienvögel. Einmal kauften wir an einem Stand eine Taube als Freunschaftszeichen. Susi und ich. Die Taube flatterte verängstigt und verängstigend um unsere Köpfe und schliesslich flüchtete sie sich zum Fischmarkt zurück.

Der Ottensener Friedhof und das Blumengeschäft

über den Ottensener Friedhof wurde im Laufe vieler Jahrzehnte heftig und laut über die Totenruhe diskutiert. Noch letztens wurde seine Geschichte aus jeglicher Sicht erforscht und in zwei grossen Bänden mit dichtbeschriebenen Blättern veröffentlicht. Dennoch liegen die Verstorbenen unter einer schweren Zementdecke, durch welche keinerlei Träne mehr durchsickern wird. Oben, auf der dicken Betonschicht entstand das Mercado, ein modernes Einkaufszentrum, wo man alles erstehen kann: von T-Shirts bis zu orientalisch eingelegten Weinblättern, von Kunstbüchern bis zur fetten Knackwurst.


Um 1920
Früher, damals, als der Friedhof noch Friedhof war, gab es ihm gegenüber einen kleinen, ganz gewöhnlichen Blumenladen, dessen Inhaber auch den Schlüssel zum Friedhofstor in Verwahrung hatte. Er händigte dem wohl seltenen Besucher den Schlüssel aus, und dieser erwarb, als Ausdruck seines Dankes, einen Blumenstrauss und legte ihn auf diese oder jene Grabstätte. Es war wie eine gemeinsame Gabe.


Papagoyenstrasse

Und vielleicht sollte ich mich nach 'Schul' flüchten, in der Papagoyenstrasse 9 - mit dem holperigem Pflaster, die braune schwere Tür mit allen Kräften aufstossen und sie hinter mir zufallen lassen, die langgestreckte rechteckige Halle durchqueren, sehr langsam, denn die grossen quadratischen, hellbraun gemusterten Fliesen sind glatt und man könnte da leicht ausrutschen.
Im Allgemeinen gibt es gar nicht so lang gestreckte Vorhallen in Synagogen, aber hier hatte es, so wurde uns erzählt, eine besondere Bewandtnis auf sich: Für den jüdischen Kohen, den Priester, der sich seit Jahrtausenden auf seine Abstammung von Aaron, den Hohe Priester beruft, gelten bis auf den heutigen Tag besondere Reinheits-Vorschriften, die ihm die Berührung mit Toten verbietet. Deshalb kann er an den Vorbereitungen zu einem Begräbnis nicht mitwirken, und nur zur Beerdigung seiner allernächsten Verwandten darf er an ein Grab herantreten.
Das Gebot der Totenehre gilt indes als die vornehmste Aufgabe der Selbstlosigkeit, denn der Verstorbene kann uns dafür keinerlei Gegengabe erweisen. Die Vorhalle der Synagoge diente also - auf Bitten der Priester-Kohanim - als Tischlerwerkschaft, um dort Särge zu zimmern, und auf diese besondere Weise auch als Kohen den Hingegangenen die letzte Ehre erweisen zu können. Aus diesem Grund wurde also die Vorhalle vor etwa dreihundert Jahren so lang gestreckt erbaut. Das ist alles wahr, selbst wenn ich die Tischlerarbeit nie beobachten konnte. Ich als Mädchen ging ja nur am Schabbat und Feiertagen nach Schul, an Tagen, an denen nicht gearbeitet werden darf...

In der Halle stehen in langen Reihen Messing-Stangen mit Garderobenhaken und an ihrem Ende befindet sich ein kleines fensterloses Zimmerchen, ein Erfrischungszellchen für den Rabbiner nach seiner Predigt. Und vielleicht blieb auf dem Tisch noch ein wenig Kaffee in der Thermosflasche mit dem abschraubbaren Deckel. Jetzt bräuchte ich nur noch die drei oder vier breiten Marmortreppen hinuntergehen, dann stände ich in der Männerschul. Der Toraschrein ist geschlossen, und der gestickte zugezogene Vorhang bedeckt beide Türflügel. Doch kann man bereits ahnen, wie wunderbar die Torarollen gekleidet und geschmückt sind. Auf dem Almemor, in der Mitte der Schul, steht das Pult mit purpurroter Samtdecke bedeckt, bereit dazu, dass jeden Moment die Torarolle dort niedergelegt und aufgerollt werde, um mit einem silbernen Zeiger die Stelle anzugeben, an der weiter gelesen werden soll... An der Wand ist ein Marmorschild angebracht, es ruft uns auf, nicht das Gebet um den Regen zu vergessen, Regen zu angemessener Zeit.

Wenn ich von unten nach oben schaue, sehe ich die Frauenempore mit einem weitmaschigen, mit Goldbronze angestrichenem Gitter. Ob eine der haarverhüllten Frauen mich wohl sieht, wie ich die hölzernen Bänke streichle, den Sitz herunterklappe, in einem Gebetbuch blättere. Ich schaue nach oben und sehe keine Frau, ich sehe keine Empore, ich bin in keiner Schul, denn die gibt es nicht mehr, ich bin gar nicht in der Papagoyenstrasse, es gibt sie nicht mehr. Ich bin allein im Dunkeln und kann den Weg nicht finden.

Der Platz um die Papagoyenstrasse heute




Altona von heute
Ich erinnere mich noch an viele andere Plätze und andere Strassennamen, aber ich kann mich nicht mehr zurechtfinden, es gibt hier für mich keine Richtung mehr - muss man links oder rechts gehen,
geradeaus oder um die Ecke, wo muss man die Strasse überqueren, um irgendwo anzukommen. Und so überkommt mich ein beklemmendes Gefühl, wo finde ich einen Unterschlupf, ein Versteck,
das in Momenten der Gefahr und der Verfolgung Sicherheit verspricht, und selbst wenn es so ein Plätzchen geben würde, wer kann mir erklären, wie man dorthin kommt?
Rathausplatz

Ich durchstreife das Altona von heute - an einem frühen Schabbatmorgen.
Noch sind die Geschäfte geschlossen, die Strassen fast beängstigend still und unbelebt. Es drängt mich zum Rathausplatz, zu dem grossen schwarzen Granitblock, zum 'Stone for the Missing Jews' of Altona. Die vermissten Juden! Als würde man nicht genau wissen, als ob man nicht unerbittlich genau weiss, was mit den Juden geschehen ist... Oder vielleicht ... Ganz vorsichtig wagt ein Gedanke sich heranzunahen: 'Stone for the Missing Jews' - vielleicht um auch anzudeuten, dass Juden in Altona vermisst werden? Es ist als ob dieser Gedanke mich beschwichtigen möchte, meine fassungslose Trauer behutsam umgeben will, mich vorsichtig, fast unmerklich an die Hand nimmt, mich begleitet und weiter führt, auch in das Altona von heute.

Carlebachstrasse

Und von dort treibt es mich weiter und weiter, bis zu einem strassenartigen Viereck mit Häusern aus rotem Backstein, die rings um ein grossflächiges Blumenbeet gruppiert sind. Unterdessen ist die Sonne aufgegangen, und es ist mir, als wäre es Sommerzeit, denn die sorgfältig arrangierten Blumen blühen in lila- und rosaleuchtenden Farben. Die Leute in den umliegenden Häusern öffnen die Gardinen-behangenen Fenster und schauen auf das Blumenbeet. Es sind Altonaer. Sie wohnen in der Joseph Carlebach Strasse.

Betty Levy Passage

Er deutet auf die nahgelegene Betty Levy Passage. Sage den Namen noch einmal: Betty Levy Passage; der Name spricht ganz leise, und doch nicht nur zu sich selbst, er spricht auch aus Altona von heute.


Dölling und Galitz Verlag

Meine Arbeit führt mich in die Ehrenbergstrasse, zum Bücherhaus, in dem so viel Interesse an Jüdischem bekundet und weitergegeben wird.

Fischrestaurant

Im Altona von heute sitze ich manchmal in einem Fischrestaurant, hinter einem Aquarium mit sternartigen Korallen und buntschillernden Fischen, und der Kellner bringt mir einen Teller mit fett- und fleischlosem Gemüse.

Best Western Raphael Hotel

In dem kleinen Hotel, direkt an dem umgebauten turbulenten Altonaer Bahnhof, werde ich mit Blumen empfangen, und der Apotheker von gegenüber weiss bereits, was ich während meiner kurzen Aufenthalte benötige.

Schatten - Jüdische Kultur in Altona und Hamburg

Und endlich komme ich in das Museum in Altona, das seine Tore für Vergangenes und für Heutiges geöffnet hat.

So gehe ich durch die Ausstellung - im Schatten der Vergangenheit, die mich meine abgerissene Kindheit nochmals erleben lässt, und auch das von mir selbst Vergessene wieder aufleben lässt.
Ich erlebe hier die Mühe und erfahre die Bemühungen, das Altona von einst getreu nachzugestalten, damit nicht auch die letzten Schatten verlorengehen - und in diesen zusammengetragenen aufgebauten Schatten 'sehe ich auch ein Blümlein stehn'.
Mitten im Schmerz empfinde ich eine Dankbarkeit, die nur schwerlich auszudrücken ist.



Ein herzlicher Dankstreif

Das hier vorgestellte Projekt 'Streiflichter aus dem jüdischen Hamburg' konnte nur mit Hilfe einer finanziellen Unterstützung zustande kommen. So sei an erster Stelle den freundlich gesinnten Spendern gedankt, dem Hamburger Ehepaar:
  • Professor Dr. h.c. Hannelore Greve, Ehrensenatorin der Universität Hamburg
  • Professor Dr. Helmut Greve, Ehrensenator der Universität Hamburg

    Die 'Streiflichter' beinhalten eine virtuelle Ausstellung, die jedermann Schritt für Schritt sinnend beschauen, oder nach eigener gedanklichen Reihenfolge ansehen kann. Genannt sei hier Dan Allina, unser Internet-Verantwortlicher der Bar-Ilan Universität; er hat uns mit Rat und Tat zur Seite gestanden.
    Bereits das Wort "Ausstellung" besagt, dass von sehr vielen Bildern die Rede ist. Im Folgenden möchten wir die Namen und Institute erwähnen, die uns bei der Beschaffung von soviel visuellem Material in grosszügiger Weise behilflich waren.
    Jedoch eine Aufstellung eines jeden Bildes mit Namen der Urheberschaft würde statt einer geordneten übersicht einen unübersehbaren Wirrwarr schaffen. Deshalb bringen wir hier eine allgemeine Namensliste all derjenigen, die uns Bilder zu dem jeweiligen Streiflicht zur Verfügung stellten.
    Falls Sie jedoch wissen möchten, woher ein bzw. mehrere Bilder stammen, oder wenn Sie ein bzw. mehrere Bilder für sich oder für bestimmte Zwecke benutzen möchten, ohne das Urheberrecht des Besitzers zu schädigen, bitten wir Sie sehr in folgender Weise vorzugehen:
    - Geben Sie an, in welchem 'Streiflicht' das Bild erscheint;
    - Schreiben Sie dazu die Bild-Unterschrift;
    - Schicken Sie eine Bitte (per Brief oder E-Mail) an die Verfasserin der Serie:
      Prof. Miriam Gillis Carlebach
      Das Joseph Carlebach Institut
      Bar-Ilan Universität, Ramat Gan 52900 / ISRAEL
      E-mail: gillism@mail.biu.ac.il

    Wenn der ursprüngliche Besitzer des Bildes, bzw. der Bilder einverstanden ist, werden Sie dann durch das Carlebach Institut die gewünschte schriftlich formulierte Erlaubnis zur Benutzung des jeweiligen Bildes bekommen.

    Die Streiflichter und die Bildverleiher - oder Schenker:

    Streiflichter Nr. I - Wilhelminenhöhe:
    Die Mehrzahl der Bilder gehören der Direktorin vom Joseph Carlebach Institut, einige bekamen wir aus dem Hamburger Staatsarchiv, mit Hilfe von Herrn Jürgen Sielemann.

    Streiflichter Nr. II - Mazzefabrik:
    Die meisten Bilder gehören Herrn Alfred Benjamin (A.R.P:S.,F.B.P.A.) aus Kalifornien. Einige der Bilder kommen von Familie Katz und Zahnwirth aus New York, andere von Frau Frobeen aus Hamburg und dem Hamburger Staatsarchiv, mit Hilfe von Herrn Jürgen Sielemann.

    Streiflichter Nr. III - Die Holsatiawerke:
    Die meisten Bilder bekamen wir von Herrn Prof. Dr. David Nelken aus Tel-Aviv und von Frau Alisa Batmur s.A. aus Kibbuz Kabri in Israel.

    Streiflichter Nr. IV - Der Hamburger Kultur- und Jugendbund:
    Die meisten Bilder bekamen wir von Herrn Alfred Benjamin (A.R.P:S.,F.B.P.A.) aus Kalifornien; einige gehören der Direktorin des Joseph Carlebach Instituts.

    Streiflichter Nr. V - Ein Tag auf dem Schiff "Arandora-Star" (Englisch):
    Alle Bilder gehören Herrn Nigel Bobroff aus England.

    Streiflichter Nr. VI - Eine jüdische Familie wurde ausgelöscht:
    Die meistem Bilder gehörten Herrn Werner Flocken s. A. aus Hamburg, der sie dem Carlebach Institut als Geschenk vermachte. Einige Dokumente gehören der Direktorin des Joseph Carlebach Instituts.

    Streiflichter Nr. VII - Altona mit jüdischen Kinderaugen gesehen:
    Alle Postkarten bekamen wir von Frau Ingeborg Hass aus Altona. Es war ihre Idee, den Text mit den passenden Postkarten zu bebildern.

    Streiflichter Nr. VIII - Ein Streiflicht, das in Berlin begann:

    Alle Bilder und Dokumente kommen aus dem Besitz von der Direktorin des Joseph Carlebach Instituts. Wir möchten hiermit betonen, dass die Gestaltung dieses besonderen Streiflichtes nur mit Hilfe der finanziellen Unterstützung der deutschen Botschaft in Tel Aviv ermöglicht wurde. Wir möchten hier unseren ganz besonderen Dank bekündigen.

    Streiflichter Nr. IX - Joseph Carlebach:
    Die meisten Bilder bekamen wir von Rabbiner Shlomo Carlebach, aus New-York, andere gehören der Direktorin vom Joseph Carlebach Institut. Mehrere Bilder, einschliesslich die Kollagen bekamen wir von Herrn Alfred Benjamin (A.R.P:S.,F.B.P.A.) aus Kalifornien.

    Der Synagogen-Rabbiner:
    Die meisten Bilder sind von der Direktorin des Carlebach Instituts und von Herrn Alfred Benjamin(A.R.P:S.,F.B.P.A.) aus Kalifornien; einige Bilder bekamen wir von der jüdischen Gemeinde in Stockholm und vom Hamburger Staatsarchiv, mit Hilfe von Herrn Sielemann.

    Die Tragödie:
    Auch hier hat Herr Alfred Benjamin (A.R.P:S.,F.B.P.A.) aus Kalifornien uns die Fotos und seine ideenreichen Collagen zur Verfügung gestellt. Wir möchten jedoch noch zwei weitere Namen dankend erwähnen: Es handelt um zwei künstlerische Originale: Uri Shalev aus Haifa gestaltete die Steinchen aus dem Rigaer Hochwald und Gunter Demnig aus Köln ist der unermüdliche Gestalter der Stolpersteine.

    An dieser Stelle möchten wir allen Bildverleihern- und Schenkern für die zur Verfügung gestellten Bilder herzlich danken.
    Unser ganz besonderer Dank und unsere Anerkennung gelten indes den Gestaltern der Gesamtserie der Streiflichter, Frau Tamara und Herrn Gal Bondarevski aus Chedera. E-mail: gal@fotobookim.com

    Prof. Dr. Miriam Gillis-Carlebach
    Direktorin des Joseph Carlebach Instituts
    Verfasserin der Serie 'Streiflichter aus dem jüdischen Hamburg'